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Emergency Room   Interview mit Ray Barnett - Darsteller Shane West
29.08.2006 von Jeany

Die Zeitschrift TV HIGHLIGHTS veröffentlichte in ihrer neuesten Ausgabe 09/2006 ein Exklusiv-Interview mit ER-Star Shane West alias Dr. Ray Barnett.
Das Interview führte TV H- Reporterin Claudia-Janet Kaller.








Die große Überraschung im Londoner Luxushotel Dorchester ist nicht der exquisite Tee oder das englische Gebäck, auch nicht die edle Park Lane Street im Nobelviertel Mayfair.
Nein, die Originalstimme von ER-Star Shane West haut mich fast aus dem Plüschsessel. Sie ist so tief wie die von Lee Marvin und klingt nach Brummbär pur. Wer hätte gedacht, dass der Mann eine Stimme wie ein Bassbariton hat!


TVH:
Als Sie 2004 zu ER kamen, da hatten Sie ein großes Problem: sie konnten kein Blut sehen…


Shane West:
Mittlerweile geht es so, ich hatte Glück.
Arzt ist definitiv kein Beruf, den ich jemals für mich selbst in Betracht gezogen hätte. Ich habe mich nie dafür interessiert, da ich diese Arbeit real nicht machen könnte. Ich kann mir im TV nicht mal den Surgery Channel ansehen oder irgendwelche anderen Filme über OPs ect. Mir wird sofort schlecht. Aber glücklicherweise (er klopft dreimal auf den Tisch und rollt mit den Augen) musste ich selbst noch nicht in die Notaufnahme, das blieb mir bisher erspart.



TVH:
Also kein Horror vor der täglichen Arbeit mit Kunstblut?


Shane West:
Nun, ich nehme an, dass man in einer Umgebung, die ganz offensichtlich nicht echt ist, und das ist ein Studio nun mal, egal, wie gut gemacht die Kulisse ist, nach einer gewissen Zeit eine Art Routine entwickelt. Wie Du schon sagst, ich muß damit fast täglich arbeiten, meine Rolle muß vor der Kamera funktionieren. Ich muß alle medizinischen Arbeiten korrekt ausführen, sonst ist man den ganzen tag mit einer Szene zugange. Also musste ich lernen, damit umzugehen, nicht einfach, aber ein Teil meiner Rolle.






TVH:
Woher wisst Ihr das alles? Gibt es ein Training für TV-Ärzte?


Shane West:
(lacht) Ja, denn wir haben ständig echte Ärzte mit am Set, die sicherstellen, dass das, was wir machen, auch wirklich echt ist und korrekt ausgeführt wird. Man kontrolliert sowohl die Fachausdrücke bzw. Kürzel, die wir benutzen, als auch wann und wie wir es sagen.
Es geht darum, dass alles so real ist wie nur irgend möglich.



TVH:
Klingt anstrengend…


Shane West:
Ja, aber es ist eben Unterhaltung auf einem sehr hohen Level, bei ER gibt es wenig Irrtümer, da viele Ärzte zugucken und uns sonst die Hölle heiß machen würden. Klar, es gibt auch ein paar Szenen, an die ich mich nicht so gern erinnere.



TVH:
Was zum Beispiel?


Shane West:
Oh, da sind wir wieder beim Blut!
Ich war mal mit Blut übergossen bzw. hatte einen Patienten, dem die Knochen aus dem Leib guckten. Da musste ich mächtig schlucken und die Zähne zusammenbeißen. Das Schlimmste, was ich bisher hatte, war eine Rippenzange. Bis zu dem Drehtag wusste ich nicht mal, dass es so ein Instrument real gibt. Und dann spielte ich einen Doktor, der den Brustkorb aufhalten und aufpassen muß, dass ihm die Organe nicht entgegenrutschen.



TVH:
Klingt nach einem Horrorfilm…


Shane West:
Oh ja! Ich musste mit meinem Gesicht dicht an das künstliche Herz ran, welches mit Kunstblut am Pumpen war. Ich dachte, wenn ich diese Szene spielen kann, schaffe ich den Rest auch. Sicher ist es dabei sehr hilfreich, dass Kunstblut nicht riecht. In dieser Hinsicht ist es leichter als in der Realität.



TVH:
Du kannst Dich real davon lösen?


Shane West:
Ja, richtig. Nun, sagen wir mal so, ich war glücklicherweise (Er klopft wieder dreimal auf den Tisch) noch nie in solchen furchtbaren Not- oder Unfallsituationen. Ich habe auch noch niemals Blut gespendet.



TVH:
Wieso denn das?


Shane West:
Nun, das ist noch so eine echte Paranoia von mir: Ich hasse Nadeln! Alles, was irgendwie mit Nadeln zu tun hat. Doch das ist ja etwas, was im wahren wie im TV-Leben die Krankenschwestern machen. Deshalb habe ich damit fast gar nichts zu tun. Ich musste in meiner Rolle also bisher kein Blut abnehmen oder so tun, als ob ich die Patienten mit einer Nadel steche. Darüber bin ich sehr froh.
Aber vielleicht sollte ich nicht so viel über diese Phobien sprechen, das bringt Unglück und ich lande demnächst wirklich in der Notaufnahme.






TVH:
Wurdest Du schon mal auf der Straße um ärztliche Hilfe gebeten?


Shane West:
Du meinst die „Hey Doc, können Sie mal übernehmen?“ - Situation?
Nein! Ich hoffe, dass die Menschen klug genug sind, zu wissen, dass dies nur ein Job ist. Dass ich diese Rolle nur spiele und kein richtiger Arzt bin.



TVH:
Und was ist mit den Kollegen?


Shane West:
Nun, da ist es ähnlich. Obwohl ich glaube, Noah Wyle könnte bestimmt helfen! Er hat die Rolle zwölf Jahre lang gespielt, da sind eine Menge Dinge einfach ins Blut übergegangen. Er ist nicht nur viel länger in der Serie als wir anderen, er hat auch ein fotografisches Gedächtnis, erinnert sich sehr gut an Details.



TVH:
Musst Du Fachausdrücke pauken?


Shane West:
Nun, es wäre anders, wenn es ein richtiger Beruf wäre. Es klingt hoffentlich nicht zu vermessen, aber wenn es etwas gibt, was ich in den zwei Jahren bei ER gelernt habe, ist es, Dinge zu vergessen bzw. mich zu entspannen. Es ist ein sehr anstrengender Job. Viele kleine einzelne Szenen, da es ja sehr viel Personal in der Notaufnahme gibt. Dazu kommen noch Szenen, bei denen es um das Privatleben der Ärzte, Schwestern und Pfleger ect geht. Er handelt ja nicht nur von Blut, Knochen und Gedärmen. Gott sei dank ist das so (Er klopft erneut dreimal auf den Tisch).
Also lernt man das Skript auswendig und eignet sich die Griffe und Begriffe für die Szene an. Ist die im Kasten, kommt die nächste, man muß sich auf etwas Neues konzentrieren.
Wir drehen viele Monate, pro Episode acht Tage, da muß man lernen, wie man Dinge wieder vergisst, denn es kommt sofort das nächste Skript!



TVH:
Ist das der normale Drehzyklus?


Shane West:
Nun, ich denke, bei 45minütigen Sendungen ja. Es sei denn, es gibt viele Außenszenen oder besondere Vorkommnisse. Dann kann es auch schon mal einen Tag länger dauern. Das klingt viel, muß aber nicht so sein, denn ich bin Teil einer Crew. Das Ensemble besteht derzeit aus 24 Personen. Ich arbeite nicht jeden Tag oder habe manchmal nur eine kleine Szene pro Tag.



TVH:
Und wenn Du im Zentrum einer Geschichte stehst?


Shane West:
Dann kann es passieren, dass man acht, zehn oder sechzehn Tage am Stück drehen muß. Also ich kann nie vorhersagen, wie meine Tage oder meine Drehstunden aussehen werden. Es gibt unendlich viele Faktoren, die dabei eine Rolle spielen. Es ist jedes Mal anders, als man denkt.






TVH:
Wie ist die rein körperliche Belastung bei so einem Job?


Shane West:
Groß, denn ich muß nicht nur die komplizierten Texte auswendig lernen bzw. trainieren, was für Handgriffe ich mache, sondern es kommt noch die Geschwindigkeit dazu. ER ist die Notaufnahme im Armenviertel von Chicago, d.h. in einer der größten Städte der USA. Hier kommen täglich hunderte von Patienten an. Es ist wie eine gigantische medizinische Schleuse. Das zehrt an jedem von uns.
Das sind die drei Hauptdinge, die man unter einen Hut bekommen muß.



TVH:
Nach NOCHMAL MIT GEFÜHL (ONCE AND AGAIN) und NUR MIT DIR (A WALK TO REMEMBER) wurdest Du als nächster Hollywoodbeau gehandelt. Versucht man Dich nun in eine andere Kategorie zu stopfen?


Shane West:
Ich weiß nicht, ob die breite Öffentlichkeit mich mit einem bestimmten Stempel versehen wollte. Ich denke, dass einer der vielen Gründe, warum ich mich für ER entschieden habe, der ist, dass ich endlich einen erwachsenen Mann spielen konnte. Ich werde in einer Woche 28 Jahre alt, da wollte ich nicht mehr diese Rucksacktypen, die auf irgendwelchen Schulfluren Mädchen suchen, spielen. Es passte einfach nicht mehr zu mir.



TVH:
Also ist Ray wie Du privat?


Shane West:
Jein! Wir sind im gleichen Alter. Durch den Übergang von Tom Sawyer in DIE LIGA DER AUSSERGEWÖHNLICHEN GENTLEMEN zu Ray Barnett in ER hatte ich die Chance, Dinge abzuschließen, hatte einen Übergang im Fach. Nicht viele meiner Kollegen haben diese Möglichkeit. Dadurch bin ich jetzt in einer ganz anderen Liga von Schauspielern. Ich bekomme nur noch die Rollen von jungen Männern angeboten, die Jungs und Schulkumpel liegen hinter mir.



TVH:
Klingt nicht, als ob Du Dich nicht gern an die Teenager erinnerst?


Shane West:
In der Tat erinnere ich mich gern daran. Das trifft wohl auf die meisten Schauspieler in ganz jungen Jahren zu. Man nimmt alle möglichen Arten von Rollen an, damit die Karriere läuft. Je älter man wird, desto mehr verändert sich die Richtung der Karriere und damit dann auch die Rollen. Entweder man kriegt die Kurve, oder nicht.
Als NUR MIT DIR ein so großer Erfolg wurde, war ich dankbar dafür. Denn dadurch konnte ich meine Rollen etwas wählerischer aussuchen. Also entschloss ich mich, dass Landon Carter meine letzte richtige Teenager-Rolle sein würde. Denn ich spielte einen Teenager, war aber bereits 24. Es wurde Zeit für einen Wechsel, also nutzte ich meine Chance.



TVH:
Mit Dir wurde ER für jüngere Zuschauer wieder attraktiver gemacht.


Shane West:
Jede Show, die so lange läuft, braucht immer wieder frische Gesichter, damit die Zuschauer ihr treu bleiben. Die Darsteller von ER sind in den letzten zwei Jahren etwas jünger geworden, damit die Show weiter so erfolgreich bleibt. Es war doch klar, dass die Originalbesetzung nicht für ewig bestehen bleibt. Also entschied man sich, neue Charaktere einzuführen.



TVH:
Deine Rolle als Ray Barnett ist aber auch dabei, sich zu verändern.


Shane West:
Ja, das tut sie. Die Drehbuchautoren sind einfach großartig, d.h. ich könnte nicht zufriedener sein. Ich habe jetzt gerade mein zweites Jahr ER hinter mir, bald beginnen die Dreharbeiten für mein drittes.
Klar, dass aus dem jungen Anfänger inzwischen ein sehr viel geübterer Arzt geworden ist. Zuerst war ich dieser leicht problematische Charakter. Ray Barnett war nicht einfach nur so ein Ersatz, er passte sich schwer an. Aber, wie im richtigen Leben, die Dinge fügen sich. Daraus ergaben sich eine Menge gute Storys, und das unterhält die Zuschauer, sie sind der Show treu. Die Einschaltquoten sind nach wie vor gut, sehr gut. Das ist Entertainment!



TVH:
Privat gehst Du einem anderen Hobby nach, machst Punk-Musik.


Shane West:
Nennen wir es progressiven Punk-Rock! (Er kichert laut)



TVH:
Okay, Du bist der Spezialist!


Shane West:
Genau, aber auch das haben die Drehbuchautoren von ER aufgegriffen. Ich habe mich schon gewundert, warum. Meine Eltern sind Musiker, also liegt mir Musik im Blut. Meine Eltern waren immer in irgendwelchen Bands, ich bin so aufgewachsen. Also wusste ich, dass ich auch mal in einer spielen würde, wenn ich älter wäre. Tja, und dann ist man plötzlich älter. Allerdings hat sich damit auch mein Musikgeschmack verändert.



TVH:
Und Deine Band „Jonny Was It“?


Shane West:
Die gibt es noch, aber ich habe eine Auszeit genommen. Ich bin noch in einer zweiten Band den Germs.



TVH:
Die Germs, so wie in dem Film, den Du gedreht hast?


Shane West:
Ja genau, die. Also in dem Film spiele ich den Sänger der echten Punk-Band „The Germs“, der 1983 an einer Überdosis Heroin starb. Aber die anderen Mitglieder, die gibt es noch, obwohl sie alle inzwischen Ende Vierzig sind.



TVH:
Wie heißt der Film genau?


Shane West:
Er heißt WHAT WE DO IS SECRET. Ich spiele die Punklegende Darby Crash. Nomen est omen, am Ende ist er ja auch wirklich gecrasht.



TVH:
Du spielst selbst Gitarre?


Shane West:
Bei „Jonny Was It“ spiele ich Gitarre. Bei den Germs singe ich oder schreie. Ja, es ist mehr Schreigesang!



TVH:
Klingt spannend. Deine Eltern müssen ja sehr stolz sein?


Shane West:
Oh ja. Denn sie hörten und hören die Musik von The Clash, Blondie, The Jam, The Who oder Little Stiff Fingers. Diese Musik lief bei uns zu Hause, als ich noch ein Kind war, also bin ich von Kindesbeinen an infiziert worden.



TVH:
Wieso wurdest Du eigentlich nicht von Cajung Music infiziert?


Shane West:
(lacht) Das ist eher die Musik meiner Großeltern, sehr schön, aber nicht meine Richtung. Bei mir muß es Punk sein! Meine Eltern lieben meine Musik, meine Großeltern nicht. Aber sie lieben mich als Arzt, das gleicht es aus!








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