Artikel » Websoaps » Glück kommt immer wieder Artikel-Infos
   

  Glück kommt immer wieder
20.11.2003 von Adriana

Glück kommt immer wieder





„Entschuldigen Sie. Ich soll was machen?“ Vanessa Hart sah ihren Chefredakteur mit großen Augen an.
„Sie sollen bis auf weiteres das Polizeiressort übernehmen. Sie wissen, dass Eileen krank ist und es nicht sicher ist, wann sie wieder kommt. Und ich brauche dort jemandem, dem ich vertraue. Und das sind nun mal Sie, Vanessa. Jetzt machen Sie doch nicht so ein Gesicht. Die Jungs vom SBPD sind gar nicht so übel.“
Chad McNeal musterte seine Reporterin prüfend. Seit dem Tod ihres Freundes vor über einem Jahr hatte sie sich total von allem zurückgezogen. Sie ließ niemanden an sich heran. Er hoffte, sie durch diesen Auftrag etwas aus der Reserve locken zu können.
„Also, was ist? Sie werden dort mit fähigen Leuten zusammen arbeiten.“
„Meinetwegen. Warum nicht. Ist mal was Neues.“
„Na sehen Sie. Ich werde im Revier Bescheid sagen, dass Sie kommen. Machen Sie sich am besten so schnell wie möglich mit allem dort vertraut.“
Vanessa stand auf. „Werde ich machen. Ich gehe später mal dort vorbei.“
„Okay.“
Vanessa verließ das Büro und ging zu ihrem Schreibtisch zurück. Bei der Polizei als Reporterin arbeiten. Das war nun nicht gerade ihr Traum. Aber egal. Vielleicht täte ihr ein wenig Abwechslung wirklich mal ganz gut.

Am späten Nachmittag betrat Vanessa das Revier des SBPD. Sie wies sich am Empfang aus und fragte nach dem zuständigen Officer.
„Eine Sekunde. Ich sage Officer Chambers Bescheid. Sie holt Sie dann gleich hier ab.“ Der Polizist griff zum Telefon.
Kurze Zeit später kam eine junge Frau aus dem hinteren Teil des Reviers.
„Miss Hart? Ich bin Laura Chambers. Sie sind also der Ersatz für Eileen. Kommen Sie. Ich zeige Ihnen alles.“ Fröhlich plaudernd führte Laura Chambers Vanessa durch das Revier.
„Und das ist unser Revier- Casanova. Sei lieb und sag hallo zu Miss Hart.“
Vanessa warf einen Blick in das kleine Büro. Hinter einem Schreibtisch entdeckte sie Ricardo Torres, der in eine Akte vertieft war. Als er Lauras Stimme hörte, sah er auf. Ein Lächeln ging über sein Gesicht, als er Vanessa entdeckte.
„Vanessa, was machst du denn hier?“
Er kam zur Tür und nahm sie in die Arme. Vanessa war froh, ein bekanntes Gesicht zu sehen und erwiderte die Umarmung.
„Ich sehe schon: Vorstellung überflüssig. Miss Hart ist unsere neue Polizeireporterin.“
„Echt? Dann bekomme ich dich ja in Zukunft öfter zu Gesicht.“ Ricardo musterte sie prüfend. Blass sah sie aus. Und dünn war sie geworden.
„So, dann wollen wir mal weiter. Kommen Sie?“ Laura sah Vanessa abwartend an.
„Ja, ich bin sofort da. Bis dann.“
„Bye.“ Ricardo setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch. Er griff nach seiner Tasse und starrte auf die Akte vor sich. Er konnte sich nicht darauf konzentrieren. Seine Gedanken gingen immer wieder zu Vanessa. Er hatte sie seit Wochen nicht gesehen. Sie schien Michaels Tod noch immer nicht überwunden zu haben. Er hoffte, dass der neue Job sie ein wenig aufmuntern würde. Auch wenn es oft nicht viel Aufmunterndes bei der Polizei gab. In diesem Moment landete ein Stapel Post auf seinem Tisch. Kyle Jefferson grinste ihn frech an.
„Liebesbriefe en masse.“
„Sieh zu, dass du Land gewinnst, bevor ich dir die Ohren lang ziehe.“ Ricardo lachte. Er mochte den jungen Officer.
„Dann wollen wir doch mal sehen... Vorladung, Vorladung... Sekunde mal! Kyle! Du solltest die Einladung zum Polizeiball doch vorher aussortieren!“
„Ich war nicht fürs Sortieren zuständig. Sorry.“ Er verließ Ricardos Büro.
Der starrte mit finsterem Blick auf den Umschlag in seiner Hand.

Wir würden uns freuen, Sie beim diesjährigen Polizeiball, am 13. August
um 20.00 im Grenadines begrüßen zu dürfen.


Na spitze. Veranstaltungen dieser Art waren ihm seit jeher zuwider. Ricardo warf die Karte mit einem Knurren auf den Tisch. Er hatte das letzte Jahr schon mit einer fadenscheinigen Ausrede gefehlt. Mal sehen, was ihm dieses Jahr in letzter Sekunde einfiel.

Am Abend hatte Vanessa sich in ihrem Zimmer im Surf Center verkrochen und versuchte, ihre Eindrücke vom Nachmittag auf dem Revier zu verarbeiten. Laura Chambers hatte sich sehr viel Mühe gegeben und ihr so viel wie möglich gezeigt und erklärt. Man hatte ihr sogar einen kleinen Schreibtisch und einen Computer zur Verfügung gestellt. Ricardo war kurz bevor sie ging noch einmal bei ihr vorbei gekommen und hatte ein wenig mit ihr geplaudert. Vanessa wusste, dass Gabi sich von ihm getrennt hatte und mit einem anderen Mann nach Miami gegangen war. Auch wenn ihm das noch immer wehtat, man merkte es ihm kaum an.
Vanessa wurde durch das Klopfen an der Tür aus ihren Gedanken geschreckt.
„Ja?“
„Darf ich rein kommen?“ Rae Chang steckte den Kopf durch die Tür.
„Klar, komm rein. Ich lasse gerade meinen ersten Tag als Polizeireporterin Revue passieren.“
„Und, wie ist es in der Welt der Super- Cops?“ Rae setzte sich zu Vanessa auf ihr Bett.
„Keine Ahnung. Ich habe bis jetzt außer Schreibtischen nicht viel gesehen. Es kommt einem alles ziemlich hektisch vor: ständig klingelt irgendwo ein Telefon, irgendwer schreit immer quer durch den Raum.“ Vanessa lächelte.
„Mal abwarten, wie es wird. Im Zweifelsfall rufe ich Ricardo zu Hilfe.“
„Stimmt. Der ist ja auch bei dem Laden. Wie geht es ihm? Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.“
„Wie mir schien, ganz gut. Officer Chambers nannte ihn den ‘Revier- Casanova’. Vielleicht läuft er langsam wieder zur alten Form auf.“ Ihr gelang ein Grinsen.
Rae lachte. „Ja, dann wüssten wir, dass wieder alles mit ihm in Ordnung ist. Ich wollte dich eigentlich fragen, ob du morgen Abend bei Barbecue dabei bist.“
„Ja, ich denke schon. Es sei denn, die Arbeit schafft mich zu sehr.“
„Prima. Einen schönen Abend noch.“
„Dir auch.“
Vanessa streckte sich auf ihrem Bett aus und warf einen Blick auf das Foto auf ihrem Nachttisch: Michael lachte ihr entgegen. Sie fühlte, dass der bekannte Knoten ihr den Hals hoch kroch und ihr Tränen in die Augen traten. Sie vermisste ihn so. Leise schluchzend fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Zwei Wochen später hatte Vanessa sich an das hektische Treiben auf dem Revier gewöhnt. Der Job machte sogar richtig Spaß. Die Mittagspausen verbrachte sie oft mit Ricardo oder Laura Chambers. Die junge Polizistin wurde für Vanessa zu einem wichtigen Kontakt innerhalb des Reviers. Aber auch Ricardo beantwortete ihr alle Fragen, mit denen sie ihn löcherte.
An einem Nachmittag klopfte Vanessa, mit zwei Tassen Kaffee bewaffnet, an Ricardos Tür.
„Ja?“ Ricardo warf einen kurzen Blick zur Tür und winkte Vanessa herein. Er hatte sich den Telefonhörer unters Kinn geklemmt und blätterte in einer Akte.
„Ich bringe Ihnen den Bericht später noch vorbei. - Ja, versprochen.“
Ricardo legte den Hörer auf und verdrehte die Augen.
„Staatsanwälte. Warum glauben die immer, dass sie die wichtigsten Personen auf der Welt sind?“
„Keine Ahnung. Kaffee?“
„Klar, her damit. Und, wie kommst du klar?“
Vanessa setzte sich auf die Schreibtischkante. „Immer besser. Allmählich finde ich mich in eurem Chaos hier zurecht.“ Ihr Blick fiel auf die Einladung, die Ricardo an seine Pinnwand geheftet hatte. Neugierig nahm sie die Karte in die Hand.
„Polizeiball im Grenadine? Nicht schlecht. Und, ist der Smoking schon in der Reinigung?“
„Nein, ich suche noch nach einem Grund, nicht hin zu gehen.“
„Also wirklich. Das kannst du dir doch nicht entgehen lassen.“
„Kann ich nicht? Okay, aber nur, wenn du mich begleitest.“ Der Gedanke war ihm spontan gekommen. Vielleicht würde das ja noch ein Stück ihrer Mauer, die sich um sich aufgebaut hatte, herausbrechen.
„Ich? Lieber nicht. Das ist nichts für mich.“
„Warum denn nicht? Als Polizeireporterin muss man das mal mitgemacht haben. Jetzt komm schon.“
„Nein, ich bin noch nicht so weit für solche Feste. Ich muss jetzt wieder an die Arbeit. Bis später.“
Sie floh geradezu aus seinem Büro.
‘Verdammter Mist!’ ging es Ricardo durch den Kopf. Er hatte es nur gut gemeint und sie aus ihrem Schneckenhaus herausholen wollen. Aber der Schuss war wohl gründlich nach hinten losgegangen.
Er fand den Rest des Tages kaum noch Ruhe zum Arbeiten. Von Laura Chambers erfuhr er, dass Vanessa schon eher Feierabend gemacht hatte.
Auf dem Weg nach Hause kam er an einem Blumenladen vorbei. Er hielt an und beauftragte den Boten, eine große Sonnenblume mit einer Karte bei Vanessa vorbei zu bringen.

Im Surf Center saßen die Bewohner beim Essen, als es an der Tür klingelte. Casey ging zur Tür und kam mit einer Schachtel im Arm zurück.
„Hier, die ist für dich.“ Er drückte Vanessa die Schachtel in die Hand.
„Für mich? Wer sollte mir denn Blumen schicken?“
„Vielleicht ein geheimnisvoller Verehrer?“ mutmaßte Mark.
Vanessa bekam große Augen, als sie die Schachtel öffnete.
„Die ist aber schön. Da liegt auch eine Karte.“ Rae deutete auf den kleinen Umschlag.
Auf der Karte stand nur ein Wort: Entschuldige.
„Von wem ist die denn jetzt?“ drängte Rae.
„Entschuldigt mich. Ich habe keinen Hunger mehr.“ Vanessa verließ die Küche.
„Was hat sie denn?“
„Keine Ahnung. Ich sehe gleich mal nach ihr.“ Rae machte ein besorgtes Gesicht. Sie fand Vanessa wenig später zusammen gekauert auf ihrem Bett. Sie setzte sich
neben sie und strich ihr die Haare aus dem Gesicht.
„Verrätst du mir, von wem die Blume war?“
„Von Ricardo.“
„Ricardo? Seit wann schickt der dir Blumen?“
Vanessa hob den Kopf, sah Rae an und berichtete ihr von seiner Einladung.
„Hat er dich denn gedrängt, mit ihm dahin zu gehen?“
„Nein, eigentlich nicht.“
„Aber ihm scheint es so vorzukommen. Sonst hätte er sich wohl kaum entschuldigt.“
„Ich wäre gern mit ihm da hin gegangen. Aber ich kann das noch nicht.“
„So, jetzt hörst du mir mal zu.“ Beim Klang von Raes Stimme sah Vanessa sie überrascht an. „Auch wenn dir das jetzt nicht gefällt. Michael ist tot. Oh nein. Du lässt mich jetzt zu Ende reden.“ Sie warf Vanessa einen wütenden Blick zu. „Du verziehst dich hier seit über einem Jahr in dein kleines Schneckenhaus und stößt jeden von dir, der dir auch nur ein kleines bisschen helfen will. Du kannst nicht ewig um ihn trauern. Verdammt noch mal Vanessa: fang irgendwann mal wieder an zu leben! Und wenn du in kleinen Schritten anfängst. Aber tu es!“ Sie verließ das Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. Vanessa starrte ihr entgeistert hinterher. Wie konnte Rae nur so grausam sein? Ihr stiegen Tränen in die Augen. Aber sie weinte nicht um Michael, sondern weil sie erkennen musste, dass Rae ja ein bisschen recht hatte. Sie ließ wirklich niemanden an sich heran. Sie wollte mit ihrer Trauer einfach allein sein und niemanden damit belasten. Aber bei ihren Freunden schien das völlig anders anzukommen. Sie ließ sich in die Kissen fallen und schlief kurze Zeit später ein.

Als sie am nächsten Morgen das Haus verließ, schrieb sie eine Nachricht auf die Tafel in der Küche: Ich muss mit euch reden. Am liebsten heute Abend. V.
Während des Tages versuchte sie, mit Ricardo zu sprechen. Aber der war die meiste Zeit im Gericht. Als sie abends das Haus betrat, atmete sie tief durch und betrat die Küche. Alle Mitbewohner waren dort versammelt und verstummten, als sie durch die Tür kam.
„Hey. Schön, dass ihr alle da seid. Ich habe euch was Wichtiges zu sagen. Rae hat mir gestern abend ziemlich den Kopf gewaschen. Ich schätze, dass ich das bitter nötig hatte. Mir hat anfangs nicht gefallen, was sie gesagt hat. Aber sie hatte ja Recht. Ich habe mich von allem abgeschottet, jeden von mir gestoßen. Ich wollte euch einfach nicht mit meinen Problemen und meiner Trauer belasten. Dabei habe ich wohl vergessen, dass Freunde genau dazu da sind: um einem bei Problemen zu helfen und füreinander da zu sein. Es tut mir sehr leid, wenn ich euch wehgetan habe. Das war nicht meine Absicht. Rae hat gesagt, dass ich endlich wieder leben soll. Ich werde es versuchen. Aber ich werde ein bißchen Hilfe dabei brauchen, eure Hilfe. Ich hoffe, ihr werdet sie mir nicht verwehren.“
Alle hatten Vanessa still angesehen, während sie sprach. Casey hatte sich zuerst wieder gefasst. Er ging zu ihr und nahm sie fest in die Arme.
„Wir vermissen ihn alle. Wir halten zusammen und sind immer für dich da. Versprochen.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Danke. Ich liebe euch alle.“ Sie fiel ihren Mitbewohnern nacheinander um den Hals.
„Ich muss noch mal weg. Da ist noch jemand, dem ich eine Erklärung schuldig bin. Wir sehen uns später.“
Auf dem Weg zu Ricardos Wohnung suchte sie nach den richtigen Worten. Als sie vor seiner Tür stand, war ihr Kopf wie leer gefegt. Kurz nachdem sie geklopft hatte, öffnete er die Tür.
„Oh, ich störe wohl. Ich komme ein ander Mal wieder.“
Er hatte nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen und in seinen dunklen Haaren glitzerten kleine Wassertropfen.
„Nein, warte. Du störst nicht. Komm rein. Ich ziehe mir nur kurz was an.“ Er verschwand im Schlafzimmer. Kurze Zeit später kam er in Jeans und T- Shirt zurück.
„Was kann ich für dich tun? Gab es Ärger im Revier?“
„Nein, es gab keinen Ärger. Ich wollte mich für die Blume bedanken. Sie ist toll. Und dann würde ich dir gern etwas erklären.“
„Du musst mir nichts erklären.“
„Doch, muss ich. Also tu mir einen Gefallen und unterbrich mich nicht.“
Ricardo setzte sich auf einen Stuhl und sah sie erwartungsvoll an.
„Rae hat mir gestern abend ordentlich die Meinung gesagt. Und sie hatte mit allem Recht. Ich habe mich total eingeigelt. Sollte die Welt sich doch weiter drehen. Meine Welt war mit Michael gestorben. Ich habe nicht gemerkt, dass ich alle von mir weg gestoßen habe. Dich eingeschlossen. Du wolltest mir immer ein guter Freund sein. Dafür bin ich dir dankbar. Tja, das musste ich mal loswerden.“
Ricardo war aufgestanden und legte ihr die Arme um die Taille.
„Wir lieben dich, vergiss das nie. Okay?“
Sie nickte. „Okay. Sag mal, steht die Einladung von gestern noch?“
„Du willst da wirklich hin?“
„Ja, aber nur, wenn du mitkommst. Du hast selber gesagt, dass ich das als Polizeireporterin einmal mitgemacht haben muss.“
„Ja, das habe ich gesagt. Also gut. Dann habe ich mir wohl selbst eine Falle gestellt, aus der ich nicht wieder raus komme.“ Er gab Vanessa einen Kuss auf die Wange. „Dann such mal dein bestes Kleid raus.“

Vanessa wäre seiner Aufforderung gern nachgekommen. Das scheiterte allerdings an ihren Freundinnen Rae und Meg Evans. Die beiden schleppten Vanessa in den nächsten Tagen durch die Boutiquen, in denen man Abendgarderobe kaufen konnte.
„Leute, ich finde in meinem Schrank bestimmt ein Kleid, das ich anziehen kann.“
„Also wirklich. Die Kleider kennen wir alle zur Genüge.“ Meg stemmte die Arme in die Hüften und funkelte Vanessa an.
„Okay, ich bin ja schon still.“
Die drei gingen vor einem Laden auf der Promenade entlang. Ein Kleid im Fenster erregte Vanessas Aufmerksamkeit.
„Guckt euch das Kleid an. Die Frau, die das mal trägt, muss sich wie eine Königin vorkommen.“
„Warum testest du nicht mal, ob das stimmt?“
„Meg, mein Budget ist stark begrenzt. Das kann ich mir bestimmt nicht leisten.“
„Lass uns doch erstmal reingehen. Und dann sehen wir weiter.“ Und schon hatte sie Vanessa in den Laden gezogen.
Am Ende verlor Vanessa den Kampf gegen ihre Freundinnen und kaufte das Kleid.
„Darin gefällst du Ricardo bestimmt.“
„Ich brauche ihm nicht gefallen. Es ist kein Date. Er brauchte eine Begleitung und ich hatte Zeit. Mehr nicht.“
Meg warf Rae hinter ihrem Rücken einen bedeutungsvollen Blick zu.
„Jetzt musst du dir nur noch einen Termin beim Friseur holen.“
„Was soll ich da denn?“
„Willst du wie eine Vogelscheuche ins Grenadine gehen?“
„Nein, aber ich kann mir die Haare selber machen.“
„Nichts da. Du wirst dich richtig verwöhnen lassen. Verstanden?“
Vanessa gab sich geschlagen und nickte.
„Okay, du hast gewonnen. Aber dann müsst ihr mir jetzt noch bei der Auswahl der Accessoires helfen.“ Der Einkaufsbummel fing an, Spaß zu machen. Sie lachte ihre Freundinnen an und die drei Frauen zogen weiter.

Zwei Wochen später stand Ricardo im Wohnzimmer des Surf Centers und wartete auf Vanessa. Er fühlte sich in seiner besten Uniform ziemlich unwohl: der Kragen war zu eng, die Krawatte war sowie so eine Erfindung einer rachsüchtigen Frau und die Mütze auf dem Kopf sah einfach lächerlich aus. Aber: so war nun einmal die Kleidervorschrift.
„Du solltest öfter so eine schicke Uniform tragen. Die steht dir.“ Casey saß gemütlich auf dem Sofa und lachte ihn an.
Ricardo zog die Mütze von seinem Kopf und warf sie auf den Tisch.
„Derjenige, der sich das ausgedacht hat, gehört eingesperrt.“ Missmutig sah er auf seine polierten Schuhe.
„Also ich finde auch, dass du gut aussiehst.“ Rae kam die Treppe hinunter.
„Wer sind sie denn?“ Casey grinste Rae an und sah dann zu Ricardo. „Meg kam heute nachmittag so gegen drei Uhr vorbei und dann haben sie das obere Stockwerk zur Männerfreien Zone erklärt. Aber jetzt scheint man sich hier wieder frei bewegen zu dürfen.“ Er bekam einen Knuff von Rae.
„Vanessa ist in einer Minute da. Sie kämpft noch mit ihrem letzten Schuh.“
„Ich kämpfe mit gar nichts mehr“, hörten sie eine Stimme von der Treppe.
Ricardo traute seinen Augen nicht. „Vanessa?“ Er starrte die Erscheinung auf der Treppe mit großen Augen an.
Vanessa trug ein langes weißes, schulterfreies Kleid. Die Säume oben und unten waren hellgrau abgesetzt und aufwendig bestickt. Um ihre Schultern hatte sie eine hellgraue Stola geschlungen. Die Haare waren kunstvoll hochgesteckt und wurden von perlenbesetzten Nadeln gehalten. Um ihren Hals lag ein dreireihiges Perlenhalsband und an ihren Ohren hingen einzelne Perlen.
„Ist was? Habt ihr eine Erscheinung oder so?“ Sie blickte zwischen Casey und Ricardo hin und her.
„Du siehst phänomenal aus. Findest du nicht auch, Ricardo?“
Der nickte nur. Ihm hatte es die Sprache verschlagen.
„Können wir gehen?“ Vanessa sah ihn fragend an.
„Was? Ja klar. Gehen wir.“ Er griff nach seiner Mütze und hielt Vanessa die Tür auf.
Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, grinste Casey seine Freundin an: „ Der Auftritt ist ihr gelungen. Ich habe schon lange nicht mehr erlebt, dass Ricardo kein Wort heraus gebracht hat.“

Kurze Zeit später betraten die beiden das festlich geschmückte Grenadine. Vanessa hatte sich bei Ricardo eingehakt und sah sich neugierig um. Sie war mit Meg und Ben mal hier gewesen, aber dieses Mal wirkte alles noch viel edler und eleganter. Ricardo grüßte ein paar anwesende Kollegen. Er stellte fest, dass die sich ein anerkennendes Pfeifen verkneifen mussten.
„Du bist der Star des Abends“, flüsterte er Vanessa leise zu. Die sah ihn amüsiert an.
„Meinst du?“
„Klar, wenn ich mal nicht wieder komme, haben mich die Kollegen irgendwo eingesperrt, um freie Bahn bei dir zu haben.“ Er lächelte sie an.
„Ich werde dich schon retten“, versprach sie ihm mit einem Lächeln auf den Lippen.
Ricardo konnte seinen Blick kaum von ihrem Gesicht nehmen.
„Ricardo, Miss Hart. Das ist aber schön, dass Sie auch hier sind.“ Laura Chambers löste sich aus einer Gruppe und kam zu ihnen hinüber. „Wow, Sie sehen toll aus.“ Sie musterte Vanessa. So ein Kleid hätte sie jetzt auch gern an.
„Du auch. Du solltest öfter mal Rock tragen.“ Ricardo zwinkerte ihr zu.
„Ich werde es mir merken. Sucht euch eure Plätze. Sobald der Chef da ist, geht das große Gerede los.“ Sie unterdrückte ein Gähnen.
„Dann mal los. Miss Hart, darf ich bitten?“ Ricardo führte sie zu ihrem Tisch. Sein Partner John Ruiz und dessen Freundin hatten dort schon Platz genommen. Kurze Zeit später begann das offizielle Programm. Es folgte Rede auf Rede. Ricardo lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und beobachtete Vanessa, die sich neugierig umsah. Als sie sich zu ihm umdrehte, sahen sie sich einen Moment länger als nötig in die Augen.
„So, meine Damen und Herren. Damit wäre der offizielle Teil dieser Veranstaltung beendet. Ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen und vor allem fröhlichen Abend. Viel Spaß!“
Sofort begann am Tisch ein lebhaftes Gespräch. Kurze Zeit später wurde das Essen serviert.
„Hier, probier mal.“ Vanessa hielt ihm ihre Gabel hin.
„Hast du was anderes als ich?“
„Nein, aber ich weiß nicht, was das ist. Du bist also mein Vorkoster.“
„Danke.“ Er sah sie grinsend an und nahm das Essen von ihrer Gabel. „Hat was von... keine Ahnung. Schmeckt aber.“
Nach dem Essen gab es ein kurzes Show- Programm, bevor die Musik begann.
„Darf ich bitten?“ Ricardo hielt Vanessa die Hand hin.
„Du tanzt? Und das sogar freiwillig?“
„Ab und zu überkommt es mich mal. Also?“
„Wehe, du trittst mir auf die Füße.“
„Keine Angst. Ich werde mir die größte Mühe geben.“ Er führte Vanessa zur Tanzfläche. Sie fühlte sich gut in seinen Armen an. Ziemlich gut sogar.
Vanessa musste zugeben, dass Ricardo ein guter Tänzer war. Seine Hand lag warm auf ihrem Rücken. Sie merkte, dass sein Daumen ab und zu über ihre Wirbelsäule strich. Das verursachte bei ihr ein angenehmes Kribbeln auf der Haut.
Es war weit nach Mitternacht, als Vanessa auf die Uhr sah.
„Wärst du böse, wenn wir gehen würden?“ Sie sah ihren Begleiter fragend an.
„Nein, kein Problem.“ Er rief John Ruiz noch einen kurzen Gruß zu und verließ mit Vanessa das Grenadine.
„Das war ein toller Abend. Danke.“ Sie wollte ihm einen Kuss auf die Wange geben. Doch genau in diesem Moment wandte er den Kopf und ihre Lippen trafen sich. Beide sahen sich mit großen Augen an und wussten nicht, ob sie sich voneinander zurückziehen sollten oder nicht. Ricardo legte einen Arm um ihre Taille und zog sie noch ein Stück näher zu sich heran. Vanessa genoss das Gefühl seiner Lippen auf ihren. Es war schön, nach so langer Zeit mal wieder geküsst zu werden und sie erwiderte den Kuss.
Vanessa war unfähig dem Drang in ihr zu widerstehen. Sie ließ sich von all ihrer aufgestauten Leidenschaft lenken. Sie liebten sich in dieser Nacht mal zärtlich und mal leidenschaftlich. Beide wollten nicht an den nächsten Tag und was er mit sich bringen würde denken.

Als Ricardo am Morgen aufwachte, war das Bett neben ihm leer. Er sah sich suchend um: Vanessas Sachen waren verschwunden. Sie war einfach so gegangen, ohne ein Wort zu sagen. Auf dem Nachttisch entdeckte er eine ihrer Haarnadeln. Er lehnte sich in die Kissen zurück und seine Gedanken wanderten zur letzten Nacht. Es hatte sich so richtig angefühlt. Und jetzt war der Platz neben ihm leer. Das Kissen neben ihm roch noch schwach nach ihrem Parfum. Er kuschelte sich wieder tiefer in die Kissen und schlief kurze Zeit später wieder ein.
Zur selben Zeit wälzte sich Vanessa in ihrem Bett herum. Sie hatte nicht mit ihm schlafen wollen. Sie hatte sich doch geschworen, nie wieder einem anderen Mann nahe zu kommen. Und jetzt war es doch passiert. Sie spürte immer noch seine Hände, die zärtlich über ihre Haut strichen. Seinen Mund, der ihren suchte. Als sie am frühen Morgen aufgewacht war, hatte sie an seiner Brust gelegen und er hatte den Arm um sie geschlungen. Er hatte im Schlaf so friedlich ausgesehen. Sie hatte sich zwingen müssen, aufzustehen und zu gehen.
Es klopfte an der Tür.
„Vanessa? Bist du schon wach?“
„Ja, komm rein.“
Rae steckte den Kopf durch die Tür. „Und, wie war der Abend?“
„Toll.“ Vanessa setzte sich im Bett auf. „Es war super schön.“
„Ich habe dich gar nicht nach Hause kommen hören.“
„Ich kann dir gar nicht sagen, wie spät es war. Ich hatte jedes Zeitgefühl verloren.“
‘Und das lag nicht nur an dem Abend allein.’ fügte sie in Gedanken dazu.
„Die anderen sitzen unten beim Frühstück. Willst du auch?“
„Ja, ich dusche nur kurz und komme dann gleich nach.“
„Okay, bis gleich. Und ich garantier dir, die anderen wollen es auch ganz genau wissen.“

Als Vanessa montags das Revier betrat, kam ihr Ricardo entgegen gestürmt.
„Guten Morgen. Hast du Zeit? Wir müssen was besprechen.“
„Sorry, wir haben gerade einen Einsatz. Später, ja?“
Und schon war er an ihr vorbei.
Erst kurz nach Mittag kehrte er aufs Revier zurück. Er ging gleich in sein Büro und knallte die Tür hinter sich zu. Vanessa holte zwei Tassen Kaffee und betrat vorsichtig das Zimmer.
„Hey! Alles in Ordnung?“
Er stand mit dem Rücken zur Tür am Fenster und sah hinaus. Als er ihre Stimme hörte, drehte er sich um.
„Klar. Was sollte sein?“ Er ließ sich auf seinen Stuhl fallen. Vanessa stellte die Tasse auf seinen Schreibtisch.
„Ich... ich hoffe du bist mir nicht allzu böse, dass ich gestern morgen schon weg war.“
„Aber nein. Warum sollte ich?“ Er starrte an ihr vorbei auf die Tür.
„Ricardo! Jetzt mach es mir doch nicht so schwer. Ich weiß auch, dass der Abgang nicht so gelungen war, aber...“
„Nicht so gelungen? Das ist jetzt aber nicht dein Ernst. Der war ziemlich daneben.“
„Bitte, so versteh mich doch. Ich habe das erste Mal seit langem wieder eine Nacht mit jemandem verbracht. Es war ungewohnt für mich.“ Vanessa suchte krampfhaft nach den richtigen Worten.
„Weißt du, was es für ein Gefühl war, aufzuwachen und nichts mehr von dir zu finden, außer einer Haarnadel? Ich hatte wirklich gedacht, dass da was zwischen uns wäre. Aber ich habe mich wohl getäuscht.“ Er drehte sich zum Fenster.
Er liebte sie. Die Erkenntnis hatte ihn wie ein Schlag getroffen. Seit Gabi ihn verlassen hatte, hatte er niemandem solche Gefühle entgegen gebracht wie Vanessa.
„Du hast dich nicht getäuscht. Da war etwas zwischen uns. Und ist immer noch da. Ich bin mir nur nicht sicher, was es ist.“ Sie trat hinter ihn und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er hob den Kopf und sah sie an. In seinen Augen entdeckte Vanessa dasselbe Gefühl, das auch in ihr war. Sie beugte sich über ihn und gab ihm einen Kuss.
„Ich bin gern mit dir zusammen. Sehr gern sogar. Aber lass es uns langsam angehen.“
In diesem Moment hätte er ihr alles versprochen. Er nickte und lächelte sie liebevoll an.
„Würdest du mir noch etwas versprechen?“
„Was denn?“
„Erzähl niemandem von dem, was zwischen uns ist, ja? Bitte.“
„Meinetwegen. Ich weiß zwar nicht, was da so Schlimmes bei ist... aber okay.“
„Danke. Darf ich dich heute abend zum Essen einladen?“
„Ja, gern. Wann und wo?“
„Ich bin gegen acht bei dir und bringe Pizza mit. Vielleicht können wir den Nachttisch ja dann im Bett genießen...“ Sie gab ihm noch einen Kuss und verließ dann sein Büro.

In den folgenden zwei Monaten festigte sich ihre Beziehung. Aber Vanessa bestand weiterhin drauf, dass niemand etwas davon wissen durfte. Um sie nicht zu verlieren, tat Ricardo ihr den Gefallen. Aber es ärgerte ihn, dass sie sich nicht in der Öffentlichkeit als Paar zeigten. An einem Samstag Abend kam es zum Streit.
Vanessa hatte für sie gekocht und jetzt saßen sie zusammen vor dem Kamin.
„Morgen Abend ist ein Konzert im Deep. Wollen wir hin gehen?“
„Ja, die anderen wollen auch hin. Wir sehen uns dann ja da.“
„Ja, aus 10 Metern Entfernung.“
Vanessa sah ihn an. „Was hast du denn?“
„Was ich habe? Ich möchte mit dir zusammen zu dem Konzert gehen. Ich möchte dich in den Arm nehmen und dir einen Kuss geben können.“
„Ricardo, du weißt doch...“
„Ich weiß, dass du nicht mit mir gesehen werden willst. Ich habe bis jetzt nie was gesagt, wenn wir die anderen getroffen haben und du mich plötzlich wie irgendeinen Freund behandelt hast. Vanessa, ich liebe dich. Und ich möchte das auch zeigen. Ist das so schwer zu verstehen?“
„Nein, aber ich bin einfach noch nicht so weit.“
„Und wann bist du so weit? Wenn wir beide fast 80 sind und im Altersheim leben?“ Ricardo stand auf und lief im Zimmer auf und ab.
„Ich glaube nicht, dass die anderen unsere Beziehung akzeptieren würden. Michael...“
„Ach so. Darum geht es. Vanessa, Michael ist tot. Seit fast zwei Jahren.“
„Es sind erst anderthalb.“
„Was tut das denn zur Sache? Du hast einfach Angst. Das ist es.“
„Ich habe keine Angst. Ich habe Michael geliebt. Die anderen würden es bestimmt nicht gut finden, wenn ich nach so kurzer Zeit schon wieder eine Beziehung anfangen würde.“
„Die anderen haben gesagt, dass du wieder leben sollst. Und zum Leben gehört auch das Lieben! Du hast mir nie gesagt, dass du mich liebst.“
„Hier geht es aber nicht um dich!“ Auch Vanessa war in Rage geraten. Sie baute sich vor ihm auf und starrte Ricardo wütend an.
„Nein, es geht immer nur um dich. Die anderen sollen bloß nichts Schlechtes von dir denken. Verdammt, ich halte diese Situation nicht mehr aus!“
„Dann sollten wir uns vielleicht eine Zeitlang nicht sehen.“
„Schwer möglich. Wir sehen uns jeden Tag im Revier.“
„Ich meine auch außerhalb des Reviers. Ich glaube, ich werde jetzt gehen.“ Sie wandte sich zur Tür.
„Vanessa!“
„Ja, was ist?“
„Lass den Schlüssel da.“
Vanessa legte den Schlüssel auf den Tisch und verließ die Wohnung. Draußen fing sie leise an zu schluchzen. Vielleicht hatte Ricardo ja Recht. Aber ihr Stolz verbot ihr, umzukehren.
Sie war wirklich gegangen. Ricardo starrte auf die geschlossene Tür. Er ging in die Küche und griff nach einer Flasche Whisky. Er stürzte das erste Glas in einem Zug hinunter. Sie war wirklich gegangen.

Rae beobachtete Vanessa in den folgenden Wochen mit wachsender Sorge. Ihre Freundin zog sich wieder völlig in sich zurück. Sie ließ sich zu keinen Unternehmungen überreden. Und auch mit Ricardo war eine Wandlung vorgegangen: er trieb sich viel im Deep herum und man sah ihn jede Woche in Begleitung einer anderen Frau.
Rae konnte nicht ahnen, wie schlecht es ihren beiden „Sorgenkindern“ ging. Vanessa hatte bei ihrem Chef um eine Versetzung in ein anderes Ressort gebeten. Sie arbeitete jetzt wieder für den Lokal- Teil.
Ricardo versetzte es jedesmal einen Stich, wenn er an Vanessas altem Schreibtisch im Revier vorbei ging. Er schlief schlecht und wenn er dann doch mal schlief, träumte er von ihr. Er versuchte, sich mit wechselnden Bekanntschaften abzulenken. Aber alles half nichts. Er brauchte Vanessa, wie die Luft zum Atmen.
Zwei Wochen vor Weihnachten wurden er und John Ruiz zu einem Überfall auf ein Juweliergeschäft gerufen. Die Diebe hatten Schmuck und einen Teil des Bargelds erbeutet und waren geflüchtet.
„Da runter sind sie gelaufen!“ rief ihnen der aufgeregte Verkäufer zu, als sie eintrafen. Ricardo zog seine Waffe und rannte in die gezeigte Richtung. Er sah einen Mann, der davonlief, als er ihn entdeckte.
„Bleiben Sie stehen! Ich sagte, Sie sollen anhalten!“ Seine Lungen fingen an zu brennen, als er dem Dieb hinter sprintete.
Auf einmal hatte er ihn aus den Augen verloren. Er blieb stehen und sah sich suchend um. Plötzlich bemerkte er im Augenwinkel eine Bewegung. Er drehte sich um und hörte einen Schuss. Er fühlte einen stechenden Schmerz in seinem Oberkörper, bevor die Welt um ihn herum schwarz wurde.

Rae kam am Abend ziemlich müde und niedergeschlagen nach Hause. Die anderen saßen beim Essen in der Küche, als sie das Haus betrat. Als sie ihren Gesichtsausdruck bemerkten, wurden alle still.
„Rae? Was hast du?“
„Ricardo ist heute nachmittag bei uns eingeliefert worden. Auf ihn ist geschossen worden.“
„Wie geht es ihm?“
„Die Kugel ist knapp an seiner Lunge vorbei gegangen und hat eine wichtige Arterie leicht verletzt. Wir konnten die Kugel entfernen.“
„Gott sei Dank.“
Nur Casey merkte, dass da noch etwas war. „Und? Wie geht es ihm?“
„Soweit ganz gut... Wir wissen nur nicht, wann er wieder aufwacht. Er ist während der OP ins Koma gefallen.“
Vanessa war bei Raes Worten kreidebleich im Gesicht geworden. Sie musste sich an der Tischkante festhalten, um nicht vom Stuhl zu fallen. Unbemerkt von den anderen verließ sie das Haus und ging auf die Terrasse. Dort brach sie weinend auf einem Stuhl zusammen. Plötzlich fühlte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Rae setzte sich neben sie.
„Er hat nach dir gefragt.“
Vanessa sah sie an. „Er hat nach mir gefragt?“
Rae nickte. „Er ist vor der OP kurz aufgewacht und hat deinen Namen gesagt. Ist da etwas, was du mir sagen möchtest?“
Ohne zu überlegen begann Vanessa, Rae alles zu erzählen.
„Ich hoffe, ich habe euch nicht enttäuscht.“
„Nein, du hast uns bestimmt nicht enttäuscht. Du hattest Angst, dass wir deine Gefühle für Ricardo nicht akzeptieren würden. Aber ich bin sicher, dass wir das alle tun. Liebst du ihn?“
Vanessa nickte. „Es ist grausam, dass ihm erst etwas passieren muss, damit ich das erkenne, oder?“
„Mag sein. Hauptsache, du stehst jetzt zu ihm.“
„Kann ich zu ihm?“
„Heute nicht mehr. Aber morgen früh nehme ich dich mit in die Klinik, einverstanden?“
Vanessa nickte.

Am nächsten Morgen fuhr Vanessa mit Rae ins Krankenhaus. Rae stellte sie als Ricardos Freundin vor und sorgte dafür, dass sie jederzeit zu ihm konnte. Mit einem letzten aufmunternden Lächeln schob sie Vanessa zur Tür.
„Geh zu ihm rein.“
Vorsichtig drückte Vanessa die Klinke hinunter. Das Zimmer war abgedunkelt. Vanessa konnte ihn hinter dem großen Berg Kissen erst gar nicht entdecken. Bei dem Anblick, der sich ihr bot, schrak sie zusammen: an seinem rechten Arm hing eine Infusion, auf seiner Brust klebten Elektroden für das EKG. Seine Vitalfunktionen wurden überwacht und die Maschinen gaben leise piepsende Geräusche von sich. Aber am meisten erschreckte Vanessa der Schlauch, der aus seinem Mund kam. Rae hatte ihr zwar gesagt, dass er künstlich beatmet würde, aber auf den Anblick war sie nicht vorbereitet gewesen.
Sie zog sich einen Stuhl an das Bett, nahm seine Hand und legte sie an ihre Wange.
„Hey du. Ich weiß eigentlich gar nicht, ob du mich hier haben willst. Ich muss aber einfach bei dir sein. Verlass du mich nicht auch noch. Bitte nicht! Ich liebe dich doch.“
Sie blieb den ganzen Tag an seinem Bett sitzen und redete mit ihm. Ab und zu steckte Rae den Kopf zur Tür herein und sah nach ihm.
Auch an den folgenden Tagen war Vanessa den Großteil des Tages im Krankenhaus. Sie hatte aus seiner Wohnung ein Radio geholt und ließ leise Musik laufen. Manchmal kam einer seiner Kollegen und erkundigte sich nach ihm oder einer ihrer Freunde leistete ihr ein wenig Gesellschaft. Sein Zimmer glich schon bald einem Geschenk- Shop: überall standen Blumen, Ballons hingen unter der Decke, auf der Fensterbank stand eine kleine Armee von Stofftieren. Vanessa freute sich, dass so viele Menschen an ihn dachten.

Auch an Heiligabend wollte Vanessa ihren Besuch bei Ricardo nicht auslassen. Ihre Freunde hatten sie überredet, wenigstens bis nach der Bescherung im Surf Center zu bleiben und erst dann ins Krankenhaus zu fahren. Den ganzen Tag über herrschte eine fröhliche Stimmung im Haus, von der auch Vanessa sich anstecken ließ. Nach der Bescherung am Abend fuhr sie zu Ricardo in die Klinik.
„Hallo Schwester Rose! Fröhliche Weihnachten!“
„Das wünsche ich Ihnen auch! Bleiben Sie nicht mal an Weihnachten zu Hause?“
„Nein, ich habe ihm versprochen, dass ich komme.“ Sie winkte der Schwester kurz zu und betrat das Zimmer. Das leise Piepsen der Apparate empfing sie. Vor zwei Tagen war der Beatmungsschlauch entfernt worden. Sie beugte sich über ihn und gab ihm einen Kuss auf den Mund.
„Hallo, mein Schatz. Ich wünsche dir fröhliche Weihnachten. Hier, die soll ich dir von den anderen mitbringen.“ Sie holte eine große Karte aus ihrer Tasche hervor.
„Wir wünschen dir alle fröhliche Weihnachten und dass du ganz bald wieder bei uns bist. Die aus dem Surf Center.“ Sie stellte die Karte auf den Nachttisch und sah aus dem Fenster. Sie fühlte Tränen in ihre Augen steigen. So hatte sie sich ihre ersten Weihnachten mit Ricardo nicht vorgestellt. Eigentlich sollten sie jetzt gemütlich unter dem Baum sitzen und feiern.
„Vanessa?“
Als sie die leise Stimme hörte, fuhr sie mit einem Ruck herum. Ricardo hatte ihr das Gesicht zugewandt und sah sie mit großen Augen verwirrt an. Mit zwei Schritten war sie bei ihm.
„Hallo, da bist du ja wieder.“
„Was ist passiert? Wo bin ich?“
„Du bist im Krankenhaus. Aber jetzt wird alles wieder gut.“ Se strich ihm zärtlich die Haare aus der Stirn und gab ihm einen Kuss, den er vorsichtig erwiderte.
„Du weinst ja.“ Er hob eine Hand und wischte ihre die Träne aus dem Gesicht.
„Ja, vor Freude. Mein größter Weihnachtswunsch ist nämlich gerade in Erfüllung gegangen. Ich werde Dem Arzt Bescheid sagen, dass du wach bist.“
Sie wollte zur Tür gehen.
„Nein, warte. Ich muss dir erst was sagen.“ Er zog sie zum Bett zurück.
„Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht unter Druck setzen. Ich liebe dich doch.“
„Ich liebe dich auch. Und von jetzt ab werden wir das auch jedem zeigen.“
Sie gab ihm einen Kuss und legte die Wange an seine Stirn.
Endlich hatte sie wieder das Glück gefunden, nach dem sie seit Michaels Tod gesucht hatte. Und sie würde es nie wieder los lassen.


Druckansicht   druckbare Version anzeigen
Seite empfehlen   Seite empfehlen
0 Kommentar(e)   kommentieren
Wertung ø 6,67
3 Stimme(n)
Seitenanfang nach oben