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  Rentner & Regenbogen
26.05.2005 von Dorothy

Die "Granny"-Serie I
Rentner & Regenbogen

Autor: Sandra Gerth
Version: 29. September 2000

Inhalt:
Mac fliegt nach einer Ermittlung zurück nach Washington D.C. – in einem zivilen Passagierflugzeug mit einer Senioren-Gruppe an Bord.

Episoden:
Geringe Bezüge zu "Verschollen im Bermuda-Dreieck" und "Herr der Drogen"

Disclaimers:
Alle Rechte an der Fernseh-Serie JAG und ihren Charakteren gehören Donald P. Bellisario, Belisarius Productions, CBS und Paramount.

1750 Z-Zeit (09:50 Uhr EST)
Los Angeles International Airport
Los Angeles, Kalifornien

Marine Corps-Lieutenant Colonel Sarah MacKenzie ging den schmalen Gang zwischen den Sitzreihen des Passagierflugzeugs entlang und quetschte sich auf der Suche nach ihrem Platz an einem dicken Rentner vorbei, der eifrig auf eine Stewardeß einredete. Weiter hinten stritten sich zwei weitere Senioren lautstark um den Fensterplatz. Mac stöhnte unterdrückt auf. Flüge wie dieser lehrten einen, die professionelle Atmosphäre und die relative Stille an Bord von Militärflugzeugen oder –hubschraubern zu schätzen.

Sarah MacKenzie, Top-Anwältin bei JAG, hatte die beiden letzten Tage auf der Navy-Basis Coronado verbracht, dem Heimathafen der CVN-74 USS John C.Stennis, einem Flugzeugträger der Nimitz-Klasse. Der XO der John C. Stennis war der sexuellen Belästigung einer Matrosin beschuldigt worden. Die Navy nahm solche Verdächtigungen niemals auf die leichte Schulter und hatte sofort eine Ermittlung veranlaßt.

Harmon Rabb, Macs Partner, hatte noch in einem Mordfall vor Gericht zu tun. Bud Roberts war anläßlich der Geburt seines zweiten Kindes beurlaubt worden und so hatte ihr Vorgesetzter Admiral Chegwidden Mac alleine losgeschickt.

Er würde es nicht bereuen müssen, sagte sich Mac zufrieden. Die Ermittlungen waren überraschend reibungslos verlaufen und Mac war zuversichtlich, daß anhand der von ihr zusammengetragenen Fakten und Aussagen Anklage erhoben und eine Verurteilung erreicht werden konnte.

Die zügige Arbeit hatte es Mac erlaubt, sich einen Tag frei zu nehmen und nach Los Angeles zu fahren. Jetzt, als sie mit der bunten Mischung von Rentnern, Urlaubern und Geschäftsleuten in dem zivilen Flugzeug konfrontiert wurde, bereute sie ihren kleinen Ausflug beinahe. Mac stellte sich auf lange 4 Stunden ein.

Endlich fand sie ihren Sitz und stöhnte innerlich erneut auf. Sie hatte den Mittelplatz und neben diesem, am Fenster, saß eine Frau, die etwa 80 Jahre alt sein mochte und wie Mac vermutete zu der Senioren-Reisegruppe gehörte, die sie bereits in der Abfertigungshalle bemerkt hatte – sie waren nicht zu überhören gewesen. Die 4 Stunden wurden länger und länger.

Mac setzte sich und stellte ihre Tasche ab. Die alte Dame sah von ihrer Zeitschrift auf und nickte Mac freundlich zu. Sie hatte silbergraues Haar, das einen deutlichen Kontrast zu ihrer gebräunten Haut bildete, und aufmerksam blickende, blaue Augen. Sie schien sich - im Gegenteil zu Mac – von dem regen Treiben um sie herum nicht gestört zu fühlen, sondern sah lächelnd darüber hinweg.

Die meisten Passagiere hatten jetzt ihre Plätze gefunden und die Stewardessen versuchten, auch die letzten Senioren zu ihren Sitzen zu scheuchen.

Ein junger Mann in abgewetzten Jeans "und mehr Gel im Haar als Elvis in seiner besten Zeit," wie Mac spöttisch dachte, setzte sich auf den Platz am Gang, rechts von Mac. Er zwinkerte Mac grinsend zu und ließ seinen Blick dann über ihren grauen Blazer und den knielangen Rock gleiten. Mac warf ihm einen warnenden Blick zu, aber er schien dessen Bedeutung nicht zu verstehen, denn er grinste nur noch breiter.

"Seeeehr lange 4 Stunden!" sagte sich Mac genervt.

Eine Durchsage aus der Bord-Lautsprecheranlage begrüßte die Passagiere zu einem angenehmen Flug mit United Airlines. Hinter Mac stritten sich zwei Rentner, wer die weißen Figuren in ihrem Schachspiel nehmen sollte und daneben begann ein Mann im Anzug, auf die Tasten seines Laptops einzuhämmern.

"Angenehmen Flug, danke!" dachte Mac ironisch.

Die Stewardessen forderten die Fluggäste auf, sich bitte anzuschnallen und dann startete die Boeing 747, stieg langsam in die Höhe.

Mac nahm den Ermittlungsbericht aus der Tasche und begann zu lesen. Der Streit der beiden Schachspieler hinter ihr wurde immer lauter. Auf der anderen Seite des Ganges hielt eine Rentnerin einen lautstarken Vortrag über die richtige Zubereitung eines Kartoffel-Salates. Der Geschäftsmann hämmerte noch immer auf seinen Laptop ein, als ginge es um sein Leben. Mac legte kopfschüttelnd den Bericht weg und fragte sich, was passieren mochte, wenn sie jetzt ihre Dienstwaffe ziehen würde. Der Gedanke brachte sie zum Grinsen – aber es währte nur so lange, bis zwei Reihen hinter ihr jemand laut zu schnarchen begann.

1810 Z-Zeit (10:10 Uhr EST)
Luftraum in der Nähe von Los Angeles

Mac sah zu, wie das Leuchten des "Bitte-Anschnallen"-Schildes erlosch. Wie sie bereits befürchtet hatte, erhoben sich einige der unternehmungslustigen Senioren sofort aus ihren Sitzen und wanderten den Gang entlang.

"Das ist kein gültiger Zug! Das ist kein gültiger Zug!" rief einer der Schachspieler hinter Mac.

"Das sagst du nur, weil ich dich gleich matt setzen werde!" knurrte sein Gegner zurück.

"Mich matt setzen? Ha, ich habe jede Menge Zug-Möglichkeiten!"

"Ach ja? Und welche?" höhnte der andere Mann.

Schweigen.

"Zu schön um wahr zu sein." dachte Mac. Sie wußte, daß der Streit gleich wieder losgehen würde.

Die silberhaarige Dame neben Mac drehte sich um und warf einen kurzen Blick auf das Schachbrett. "Schwarzer Läufer schlägt weiße Dame auf F5. Und Schach." sagte sie ruhig und setzte sich wieder.

Die beiden Schachspieler waren vollkommen ruhig. "Teufel, sie hat Recht," sagte dann der eine, "ich sagte dir ja, daß ich jede Menge Zugmöglichkeiten habe."

"Rentner," meinte die alte Dame lächelnd zu Mac, "schlimmer als Kindergartenkinder!"

Mac mußte lachen. Offenbar gehörte die rüstige 80jährige nicht zu der Senioren-Reisegruppe.

"Fliegen Sie zum ersten Mal?" erkundigte sich die Fremde. Vermutlich hatte sie Macs Reaktion auf die Unruhe in der Touristen-Klasse bemerkt.

Mac schüttelte den Kopf. Sie hatte sogar schon zwei Flüge in einer Tomcat hinter sich, auch wenn sie diese nicht unbedingt genossen hatte. "Nein. Und Sie?"

Die schlanke grauhaarige Dame lächelte. "Ich bin sozusagen ein alter Hase." antwortete sie und zu den Fältchen um ihre Augen kamen noch weitere hinzu. Normalerweise pflegte man blaue Augen eher für kühl zu halten, aber Mac stellte plötzlich fest, daß dies die wärmsten blauen Augen waren, die sie je gesehen hatte ... na ja, mit einer Ausnahme vielleicht. Harms Blick konnte auch sehr warm sein, wenn er nur wollte.

"Fliegen Sie nach Hause zu Ihrer Familie?" erkundigte sich die alte Dame, "Mann und drei Kinder?" Sie lächelte erneut und obwohl Mac normalerweise nicht gerade sehr auskunftsfreudig war, was ihr Privatleben betraf, stellte sie fest, daß sie die Frage nicht als aufdringlich empfand.

Macs Mundwinkel zuckten amüsiert. "Fast."

"Vier Kinder?" fragte die silberhaarige Frau und ihre Augen funkelten vor fast jugendlichem Übermut. Dann wurde sie wieder ernst und meinte: "Nein, Sie sind beruflich unterwegs."

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Mac war ein wenig verblüfft über die Sicherheit, mit der die alte Dame das sagte. "Woher wollen Sie wissen, daß ich nicht zu meiner Familie unterwegs bin?" fragte sie, ohne zu bestätigen oder zu verneinen, was ihre "Nachbarin" gesagt hatte.

Die Seniorin betrachtete sie einen Moment lang abschätztend, bevor sie erneut lächelte. "Sie wollen Kinder, ja, aber Sie sind keine Frau, die sich damit zufrieden geben würde, zuhause am Herd auf ihren Mann zu warten," Das Lächeln verstärkte sich, als sie hinzufügte: "Außerdem tragen Sie keinen Ehering."

"Oh," sagte Mac nur. Wirklich peinlich für eine Ermittlerin, einen so offensichtlichen Hinweis zu übersehen, "Und wohin sind Sie unterwegs?" fragte sie in dem Versuch, von ihrer eigenen Person abzulenken.

Die alte Dame lächelte und stellte fest, daß die junge Frau etwas distanziert war – "aber das sind Frauen mit Klasse ja meistens." "Ich habe Verwandte hier an der Westküste besucht und jetzt fliege ich zu meinem Enkel." Stolz und Zuneigung lag bei diesen Worten in ihrem Blick.

Mac konnte fast einen kleinen, blauäugigen Jungen vor sich sehen, der sich sicher sehr über den Besuch seiner Großmutter freuen würde. Sie war sicher, daß die grauhaarige Dame genug Spielzeug und Süßigkeiten in ihrem Gepäck hatte, um ein ganzes Dutzend Enkel zu verwöhnen. Mac wünschte sich plötzlich, auch eine solche Großmutter gehabt zu haben.

1835 Z-Zeit (10:35 Uhr EST)
Luftraum, irgendwo zwischen Los Angeles und Washington D.C.

Mac hörte mit halbem Ohr dem Gespräch zweier Rentnerinnen zu, die versuchten, sich mit ihren gesundheitlichen Problemen gegenseitig zu übertrumpfen. Die beiden Senioren hinter ihr stritten sich mittlerweile über ein Kartenspiel. Mac schloß müde die Augen, obwohl sie sicher war, nicht schlafen zu können.

Eine Hand legte sich auf ihr Knie und rutschte langsam höher.

Mac öffnete schlagartig die Augen und stellte fest, daß die Hand dem jungen "Elvis" neben ihr gehörte. Sie funkelte ihn wütend an und bedauerte es, nicht in Uniform zu sein. Als der aufdringliche junge Mann nur grinste, ohne die Hand wegzunehmen, half Mac auf nicht gerade sanfte Art ein wenig nach. Ein Marine blieb ein Marine, auch ohne Uniform.

"Elvis" schrie vor Schmerz und Überraschung auf und eilte in Richtung Bordtoilette, wobei er seine Hand umklammerte.

Die alte Dame sah ihm nach und ihre Mundwinkel kräuselten sich fast belustigt. Ihr Respekt vor der jungen Frau neben ihr wuchs. "Möchten Sie den Platz mit mir tauschen?" bot sie Mac an, "Ich bin sicher, bei mir als Nachbarin hätte der junge Mann nicht so unruhige Hände."

Mac schüttelte den Kopf und mußte ebenfalls lächeln. Sie fragte sich, wie die silberhaarige Dame das machte. Einen solchen Effekt hatte sonst nur Harm, ihr Flyboy-Partner, auf sie. "Das ist sehr freundlich, aber sicher nicht nötig. Wenn er soetwas nochmal versucht, wird er die nächsten 6 Wochen SEHR ruhige Hände haben." versicherte sie.

Eine Stewardeß blieb vor ihnen stehen. "Entschuldigung, ich möchte nur Mister Shaines Tasche holen. Ihm ist nicht so gut und er möchte sich lieber an einen anderen Platz setzen." Die Stewardeß lächelte ihr berufsmäßiges Lächeln, obwohl sie das Gelächter der beiden Frauen nicht verstand. "Darf ich Ihnen etwas bringen? Kaffee?" bot sie an.

Mac und die alte Dame nickten und bekamen je einen Becher Kaffee gereicht.

Die silberhaarige Frau nippte vorsichtig an ihrem Kaffee und auch Mac bemerkte sofort, daß ihre Skepsis berechtigt gewesen war.

"Nicht gerade ein Gourmet-Getränk, oder?" kommentierte die Rentnerin.

Mac nahm tapfer einen weiteren Schluck aus ihrem Pappbecher und meinte trocken: "Sagen wir’s mal so: Ich habe noch keine Stewardeß getroffen, die ihren Beruf aufgegeben hat, um ein eigenes Café zu eröffnen."

Sie lachten zusammen, als würden sie sich schon eine Ewigkeit kennen.

1902 Z-Zeit
Luftraum, irgendwo zwischen Los Angeles und Washington D.C.

Mac hatte schon Geiselnahmen überstanden, aber das hier war eindeutig schlimmer. Selbst ihre Marine-Corps-Ausbildung hatte sie nicht auf etwas Derartiges vorbereitet: Die Senioren-Reisegruppe hatte das Mikrophon der Lautsprecheranlage besetzt und spielte Bingo. Gequält lächelnde Stewardessen verteilten Kugelschreiber und Blöcke.

Rechts von ihnen sprang eine Rentnerin mit zart-lila gefärbtem Haar plötzlich von ihrem Sitz auf und jauchzte "Bingo, Bingo!", wobei sie so heftig mit den Armen fuchtelte, daß sie ihrem Mann fast die Brille von der Nase geschlagen hätte.

Mac wünschte sich, sie flögen gerade durch das Bermuda-Dreieck. Sie hätte jetzt mit Sicherheit nichts gegen eine kleine Entführung einzuwenden gehabt. Aber vermutlich hätten selbst kleine grüne Männchen den Nach-Hause-Flug mit dieser Rentner-Gang nicht besonders amüsant gefunden.

"Wenn ich einen Fallschirm hätte, würde ich ihn jetzt benutzen." meinte die alte Dame neben Mac, aber ihr Lächeln wirkte keinesfalls genervt, nur amüsiert. Sie betrachtete ihre Altersgenossen als wäre es eine Horde übermütiger Schulkinder.

Ihre Nachbarin wurde Mac mit jeder Minute sympathischer. "Ich würde mich schon mit einem Bettlaken zufrieden geben." behauptete sie ironisch. Wenn es so weiterging wäre sie vermutlich bald bereit, mit einem Taschentuch abzuspringen.

"Darf ich Sie fragen, was Sie beruflich machen?" erkundigte sich die Seniorin plötzlich interessiert, aber nicht aufdringlich.

"Reiseleiterin würden Sie mir wohl nicht abnehmen, oder?" fragte Mac spitzbübisch grinsend.

"Ich tippe eher auf ... hmm ... Finanzberaterin? Polizistin? Nein, das ist es auch nicht," Die Rentnerin legte den Kopf schräg und sah Mac prüfend an, "Anwältin?"

Mac verschlug es für einen Moment die Sprache. "Oh, dann sind Sie Hellseherin?" vermutete sie mit einem überraschten Lächeln.

Die reizende alte Dame lachte. "Nein, das ist nur ein Hobby von mir. Und? Mögen Sie Ihren Beruf?" erkundigte sie sich mit aufrichtigem Interesse.

Mac nickte ohne zu zögern. "Ich könnte mir nichts anderes vorstellen."

Die 80jährige schmunzelte. "Nicht einmal einen Mann und vier Kinder?" fragte sie neckisch.

Plötzlich wußte Mac nicht mehr, was sie antworten sollte. Und es verblüffte sie, daß sie es überhaupt für nötig hielt zu antworten. Normalerweise hätte sie das Gespräch für beendet erachtet, wenn ein völlig Fremder sie etwas Derartiges fragte. Aber in dem warmen Blick und dem Lächeln der älteren Frau lag etwas, was ihr das Gefühl gab, es mit einer alten Freundin zu tun zu haben.

"Vielleicht möchte ich beides haben, aber vielleicht ist das zuviel verlangt." meinte Mac mit einem kaum merklichen Seufzen. "Eine tolle Karriere, einen guten Mann und bequeme Schuhe – und zwar einen ganzen Haufen davon." hörte sie sich in Gedanken sagen und sah Harm vor ihrem geistigen Auge lächeln.

Für einen kurzen Augenblick legte die alte Frau ihre Hand auf Macs. "Nein, das ist nicht zuviel verlangt. Sie haben beides verdient." sagte sie mit einem aufmunternden Lächeln.

Mac schluckte. "Wie wollen Sie das wissen? Sie kennen mich doch nicht mal." murmelte sie.

"Oh, doch." entgegnete die Rentnerin nur ernst. Sie wußte selbst nicht, warum sie es sagte, aber sie hatte wirklich das Gefühl, die jüngere Frau schon jahrelang zu kennen. Vielleicht, weil sie in ihren braunen Augen etwas von ihrem eigenen Humor und Kampfgeist entdeckten konnte.

1954 Z-Zeit
Luftraum, irgendwo zwischen Los Angeles und Washington D.C.

Mac aß den selbstgebackenen Kuchen, den ihre neue "Freundin" ihr angeboten hatte und war inzwischen so gut gelaunt, daß es sie nicht einmal allzusehr störte, als die Senioren-Gruppe begann, alte Schlager anzustimmen. Es überraschte sie, daß die alten Leute wirklich alle Strophen von "Moon River" auswendig konnten.

"Das wäre was für meinen Partner!" sagte sie lachend zu ihrer Platznachbarin. Harm liebte dieses Lied, seit Mic Brumby es einmal gesungen hatte, in etwa so sehr wie das Geräusch von Fingernägeln, die über eine Tafel kratzten.

"Partner wie in ... Lebensgefährte?" erkundigte sich die Frau mit den silbernen Haaren interessiert. Erneut lächelte sie auf eine Weise, die es Mac unmöglich machte, ihr die Frage übel zu nehmen.

"Partner wie in Kollege." erklärte sie.

"Ah, noch ein Anwalt." Die alte Dame schmunzelte.

"Noch ein Anwalt," bestätigte Mac, "Und ein guter obendrein. Wenn wir uns also entschließen würden, hier im Flugzeug plötzlich Geisel zu nehmen, würde er uns sicher rausboxen. Es wäre nicht das erste Mal." Mac lächelte, aber es lag ein wenig Traurigkeit darin.

Die ältere Frau an ihrer Seite bemerkte es und beschloß, nicht nachzufragen. "Klingt, als wäre Ihr Partner ein interessanter Mann."

Mac nickte und lächelte.

Die alte Dame sah sie prüfend an und ihre blauen Augen funkelten heiter. "Und Sie sind wirklich sicher, daß es nur Partner wie in Kollege ist?" erkundigte sie sich neckisch.

"Vertrauen Sie mir." meinte Mac in einem scherzhaft-verschwörerischen Tonfall.

"Das tue ich." erwiderte die grauhaarige Frau zu ihrer Überraschung.

2022 Z-Zeit
Luftraum, irgendwo zwischen Los Angeles und Washington D.C.

Die Stewardeß kam mit einem Getränke-Wagen vorbei. "Möchten Sie etwas zu trinken? Oder kann ich Ihnen einen kleinen Imbiß anbieten?"

Mac und ihre Nachbarin entschieden sich für beide für ein Schinken-Sandwhich. Auf eine weitere Tasse Kaffee verzichteten sie.

Die alte Dame klappte den kleinen Tisch vor sich herunter und sah zufrieden zu, wie Mac herzhaft in ihr Sandwhich biß. "Endlich mal jemand, der keine Dauer-Diät hält!" meinte sie schmunzelnd.

Mac sah sie fragend an, während sie einen weiteren Bissen schluckte.

"Na ja, manchmal glaube ich, daß in meiner Familie jeder außer mir etwas gegen gutes Essen hat," erklärte die Seniorin mit einem gutmütigen Seufzen, "Meine Schwiegertochter ernährt sich fast nur von Salat und mein Enkel ... der Junge ist ja so dünn, daß ich mich jedesmal, wenn ich zu Besuch bin, bemühe, ein paar Pfund mehr auf seine Rippen zu bringen."

"Oh, keine Angst, das gibt sich sicher, wenn er etwas älter ist." erwiderte Mac beruhigend. Sie war als Teenager selbst sehr mager gewesen.

Die alte Dame lachte. "Das halte ich für unwahrscheinlich. Bei meinem Sohn und meinem Mann war es dasselbe, die hat man auch kaum zum Essen bringen können."

Der liebevolle Blick, mit dem sie das sagte, ließ Mac wünschen, ebenfalls Teil einer solchen Familie zu sein. Ein Familienleben hatte bei den MacKenzies praktisch nie existiert und ihre Großeltern hatte sie nicht einmal gekannt.

"Oh, tut mir leid, wenn ich hier herumgackere wie eine alte Glucke," entschuldige sich die Rentnerin, "aber Sie wissen ja, wie Mütter und Großmütter so sind ..."

"Ja." antwortete Mac einsilbig und biß sich auf die Unterlippe.

Die rüstige 80jährige bemerkte sofort den Wechsel in Macs Stimmung und sah sie besorgt an. "Etwas nicht in Ordnung?"

Mac lächelte, aber es sah etwas gezwungen aus. "Alles okay." versicherte sie.

Die alte Dame ließ sich nicht täuschen. Sie schien in Macs Gesicht und ihren Augen lesen zu können, als ob es ein Strickmuster wäre. "Ihre Mutter?" fragte sie sanft.

"Ich schätze, nicht alle Mütter sind solche Glucken. Meine hat mich verlassen, als ich 15 war." hörte Mac sich sagen. Sie konnte selbst nicht glauben, daß sie dieses Thema mit einer wildfremden Frau besprach, die sie vor 2 ½ Stunden noch nicht einmal gekannt hatte. Aber vielleicht war es gerade das: Sie wußte, daß sie sich nach diesem Flug nie wieder treffen würden und brauchte nicht darauf zu achten, das Bild der perfekten Marine-Corps-Offizierin aufrecht erhalten zu müssen.

Die Seniorin neben ihr schwieg, nicht einmal das übliche "Das tut mir leid." kam. Mac stellte fest, daß sie fast dankbar dafür war.

"Das ist ein großer Verlust für Ihre Mutter." sagte die silberhaarige Frau schließlich ernst.

Mac sah sie verständnislos an. "Für meine Mutter?"

"Sie konnte sich nicht jeden Tag daran erfreuen, zu was für einer wunderschönen und starken Frau Sie geworden sind." erklärte die Rentnerin lächelnd.

Mac war sprachlos und gerührt. Noch niemals hatte eine ältere Frau etwas derart nettes zu ihr gesagt. "Starke Frau," dachte sie dann ein wenig ironisch, "das würde sie nicht sagen, wenn sie mich vor ein paar Jahren gesehen hätte ... mit einer Flasche Wodka ständig in Reichweite."

Die alte Frau legte ihr kurz ihre warme, ein wenig schwielige Hand auf den Arm. "Nur die Gegenwart zählt, und die Zukunft," sagte sie, als hätte sie Macs Gedanken erraten, "Es ist nie zu spät, etwas aus seinem Leben zu machen. Man muß nicht bei der Familie stehenbleiben, in die man hineingeboren wurde. Freunde sind die Familie des Herzens. Und Sie werden sicher bald eine eigene Familie gründen."

Mac schluckte und nickte nur wortlos. Sie hatte schon seit langem das Gefühl, daß die Leute bei JAG ihre Familie waren, aber sie bezweifelte, daß sie bald selbst eine Familie haben würde.

"Sie klingen sehr enthusiastisch, muß ich sagen." schmunzelte die alte Frau.

Mac sah auf ihre Hände hinab, erst die rechte, dann auf die linke. An keiner von beiden Händen war ein Ring zu sehen. "Ich habe eben erst eine Trennung hinter mir." erklärte sie und fragte sich unwillkürlich, wieso sie diese Art der Unterhaltung mit der Fremden führte – und sich nicht einmal besonders unbehaglich dabei fühlte.

Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie ihr zumute gewesen war, als Harm das Fehlen ihres Ringes bemerkt hatte und sie ihm erzählte, daß sie sich von Mic getrennt hatte. Sie hatten sich beide nicht sehr wohl gefühlt während dieser Unterhaltung.

Erneut murmelte die alte Dame kein "Es tut mir leid" – sie brauchte es auch nicht zu sagen, denn ihr warmer Blick sagte sehr viel mehr als das.

2038 Z-Zeit
Luftraum, irgendwo zwischen Los Angeles und Washington D.C.

Mac räusperte sich. "Darf ich Sie etwas fragen?" erkundigte sie sich zurückhaltend.

Die alte Dame nickte freundlich. "Aber sicher, ich habe Sie schließlich auch die ganze Zeit über mit meinen Fragen bombardiert."

"Ähm ... ist Ihre Ehe glücklich?" wollte Mac wissen. Sie wußte nicht, woher diese plötzliche Neugierde kam. Vielleicht nahm sie einfach nur Anteil am Leben der alten Dame. "Zwei Stunden und 47 Minuten gemeinsam inmitten dieser Horde wildgewordener Rentner auszuharren, das schweißt zusammen." dachte sie lächelnd.

Ihre Nachbarin sah einen Moment lang aus dem ovalen Fenster zu ihrer linken. "Oh ja, das war sie." Sie lächelte fast wehmütig und betonte das "war".

Mac hätte sich ohrfeigen können. "Tut mir leid." murmelte sie und ihre braunen Augen sagten dasselbe.

"Das braucht Ihnen doch nicht leid zu tun, Liebes, mein Mann ist schon gestorben, bevor Sie überhaupt geboren wurden. Der Krieg, wissen Sie. Er war Pilot," Die alte Dame lächelte versonnen, "und sehr gutaussehend. Vielleicht wissen Sie, was man über goldene Fliegerabzeichen sagt."

Jetzt lächelte auch Mac. "Und über weiße Ausgehuniformen." fügte sie hinzu. Unnötig zu sagen, daß sie dabei an ihren Partner dachte.

"Oh, es spricht sich also herum, auch unter der Jugend." stellte die 80jährige neben ihr erfreut fest.

Mac mußte grinsen. Es passierte nicht sehr oft, daß jemand sie als "Jugend" bezeichnete.

"Wenn man einen Partner hat, der mal Pilot war, bekommt man das ständig zu hören. Bisher hat es mich nicht besonders überzeugt." meinte Mac mit einem amüsierten Grinsen.

"Na ja, meistens ist es aber so, daß in jedem alten Klischee zumindest ein Körnchen Wahrheit steckt." wandte die alte Dame ein. Ihre blauen Augen funkelten vergnügt.

Mac konnte ihr nicht einmal widersprechen. Das erste Mal, als sie Harm in Service Dress White Uniform gesehen hatte, hätte sie ihn fast geküßt.

2104 Z-Zeit
Luftraum, irgendwo zwischen Los Angeles und Washington D.C.

Mac warf einen schnellen Blick auf die Uhr – reine Angewohnheit, denn ihre exakte innere Uhr machte es eigentlich unnötig, daß sie einen solchen Zeitmesser trug. Nur noch eine Dreiviertel Stunde bis Washington.

Mac sah sich um. Um sie herum war es etwas ruhiger geworden. Im Gang vor der Toilette standen die Rentner Schlange.

Auf dem Bildschirm vor ihnen flimmerte ein Schwarz-Weiß-Film. Einige der älteren Damen sprachen den Text mit - auswendig.

Die nette Rentnerin neben Mac sah eine Weile halb interessiert, halb amüsiert zu. "Wissen Sie, ich habe keinen Fernseh-Apparat." erklärte sie zu Mac gewandt.

"Ja, das kenne ich. Mein Partner hat auch keinen Fernseher und jedes Mal, wenn er bei mir ist und zufällig das Fernsehen läuft, ertappe ich ihn dabei, wie er irgendeine uralte Serie verfolgt." Mac lachte.

Die alte Dame schmunzelte und fragte sich, ob ihre junge Reisegefährtin bemerkte, wie oft sie in den letzten drei Stunden ihren Partner erwähnt hatte. "Diesen Wunderknaben, den Sie Ihren Partner nennen, müssen Sie mir unbedingt einmal vorstellen." meinte sie, obwohl sie beide wußten, daß sie sich wohl kaum wiedertreffen würden.

In dem Film machte der Hauptdarsteller seiner Angebeteten gerade ein Kompliment über die Farbe ihrer Augen. "Sehr überzeugend in einem Schwarz-Weiß-Film" dachte Mac kopfschüttelnd.

Die alte Dame drehte sich vom Bildschirm weg und sah wieder Mac an. Der Film war vergessen.

Mac begann fast, sich unter dem intensiven Blick der Rentnerin unwohl zu fühlen.

"Haben Sie schonmal einen Regenbogen gesehen?" fragte die alte Dame plötzlich.

Mac lächelte unsicher. "Ähm, natürlich. Wieso?"

"Ich meine, WIRKLICH angesehen, nicht nur flüchtig registriert." beharrte die Rentnerin.

Mac fragte sich, welche Bedeutung dieses seltsame Thema für sie haben mochte. "Ja, wirklich angesehen." bestätigte Mac. Als sie mit ihrem Onkel Matt draußen in der Red Rock Mesa campiert hatte, um vom Alkohol loszukommen, hatte sie viel Zeit für solche Dinge gehabt und sie plötzlich mit ganz anderen Augen betrachtet.

"Haben Sie bemerkt, daß Regenbogen wie Menschen sind?" Die grauhaarige Frau sah sie eindringlich an und schien es wirklich ernst zu meinen.

Mac lächelte leicht. "Genauso vergänglich? Oder genauso verbogen?" fragte sie ein wenig belustigt.

Die alte Dame erwiderte das Lächeln. "Beides – aber es geht noch darüber hinaus. Ich bin jetzt 84 Jahre alt und habe eine Menge gesehen in meinem Leben, aber ein solcher Regenbogen versetzt mich immer wieder in Staunen als wäre ich noch ein Kind. Allein, wenn man bedenkt, daß er eigentlich nur durch die Brechung und Reflexion des Lichtes in winzigen Regentropfen zustande kommt. Dann die Farben ... Isaac Newton glaubte, daß ein Regenbogen aus sieben Farben besteht. Man hielt das für logisch, weil sieben eine besondere Zahl ist. Sieben Tage in der Woche, sieben Kontinente, sieben Weltmeere und so weiter. In Wirklichkeit sind die Farben jedoch nicht so klar voneinander getrennt, sondern gehen schrittweise ineinander über. Wieviele Farben ein Regenbogen hat, hängt immer auch davon ab, wer sie zählt."

Mac nickte. Sie war sicher, daß der Regenbogen besonders viele Farben hatte, wenn diese alte Frau sie zählte. Mac beschloß, auf das Thema, das ihrer Platznachbarin offensichtlich am Herzen lag, einzugehen. "Ich habe ein paar mal gesehen, daß ein zweiter, schwächerer Regenbogen über dem ersten erscheint, wenn die Regenwolken sehr dunkel sind und die Sonne sehr hell scheint. Die Farben sind so angeordnet, daß sie die des ersten Regenbogens in umgekehrter Reihenfolge widerspiegeln."

Die alte Dame nickte und bedachte Mac mit einem anerkennenden Blick, wie eine Lehrerin, deren Schüler gerade einen Test bestanden hat – genauso fühlte sich Mac auch. "Das nennt man den Nebenregenbogen." erläuterte die 84jährige, "Seine Farben sind das Gegenstück zum Hauptregenbogen. Sie beginnen mit Rot auf der Innenseite und gehen bis Violett am äußeren Rand. Beim Hauptregenbogen ist es genau umgekehrt," Sie schwieg einen Moment lang und sagte dann einen letzten Satz, der wie ein Zitat klang: "Die Farben des Regenbogens sind wie Menschen – es gibt keine zwei, die genau gleich sind." Damit schien das Thema für sie erledigt zu sein.

Mac lächelte stumm in sich hinein. Vermutlich wurde man im Alter einfach ein wenig sonderlich. Sie hatte sich jedenfalls nie zuvor 11 Minuten und 26 Sekunden mit jemandem ernsthaft über Regenbogen unterhalten.

2148 Z-Zeit (16:48 Uhr EST)
Luftraum über Virginia

Gerade als Mac und die alte Dame in ein lebhaftes Gespräch über ihre jeweiligen Haustiere verwickelt waren, erklang die Stimme des Piloten durch die Lautsprecheranlage der Boeing 747. "Liebe Fluggäste, sehr geehrte Damen und Herren, wir gehen in Kürze in einen Landeanflug auf Washington D.C. und bedanken uns, daß Sie mit United Airlines geflogen sind. Wir würden uns freuen, Sie bald wieder an Bord begrüßen zu dürfen."

"Gott bewahre!" murmelte Mac, aber sie mußte zugeben, daß die vier Stunden dank ihrer ungewöhnlichen, aber angenehmen Reisegefährtin schnell vergangen waren.

Hinter ihnen packten die Rentner ihr Kartenspiel ein und begannen sich darüber zu streiten, wer welches Zimmer im Hotel bekommen sollte. Mac hörte nicht mehr hin, es war ihr ganz egal, solange dieses Hotel nicht gerade in Georgetown lag.

Einige der Senioren fuchtelten schon jetzt aufgeregt mit riesigen Fotoapparaten herum. Die Stewardessen hatten alle Hände voll zu tun, sie auf ihren Plätzen zu halten.

Eine Stewardeß kam an ihnen vorbei. "Würden Sie jetzt bitte Ihre Sicherheitsgurte anlegen, wir landen in ..." Sie warf einen Blick auf die Uhr.

"... in 8 Minuten." half Mac freundlich.

Die Stewardeß und Macs grauhaarige Nachbarin warfen einen Blick auf ihre Armbanduhren und dann einen weiteren, erstaunten Blick auf Mac.

"Wie machen Sie das?" fragte die alte Dame verblüfft.

Mac lachte. Sie konnte sich noch daran erinnern, daß Harm ebenso überrascht ausgesehen hatte, als sie ihm zum ersten Mal die Uhrzeit nannte, ohne auch nur einen Blick auf die Uhr zu werfen. Inzwischen war es zu einem Insider-Scherz zwischen ihnen geworden.

"Ein eingebautes Standard-Marine-Corps-Uhrwerk." erwiderte Mac grinsend.

Die ältere Frau sah sie mit großen Augen an. "Sie sind ein Marine?" vergewisserte sie sich überrascht.

Mac lächelte tolerant. "Ja, ich weiß, ich sehe nicht unbedingt wie einer aus." Das bekam sie des öfteren zu hören.

"Nein, das wollte ich damit nicht sagen," versicherte die silberhaarige Dame, "es ist nur ..."

Was sie weiter sagen wollte, blieb unklar, denn in diesem Moment setzte der Jumbo-Jet zum Landeanflug an und begann langsam zu sinken. Der Inhalt der Handtasche einer Rentnerin purzelte vor die Füße von Mac und ihrer Nachbarin und sie waren bis zur Landung damit beschäftigt, der jammernden Seniorin beim Aufsammeln zu helfen.

2210 Z-Zeit (17:10 Uhr EST)
Dulles International Airport
Washington D.C.

Mac passierte die Zollstation und sah mit Erleichterung, wie die Senioren-Reisegruppe gesammelt zu einem Bus strömte.

"Und wohin fahren Sie jetzt?" erkundigte sich die nette alte Dame als sie sich gemeinsam auf den Weg zur Gepäckausgabe machten.

"Nachhause." antwortete Mac.

"Ah, zu Ihrem Mann und Ihren vier Kindern." schmunzelte die Rentnerin. Es war bereits zu einem Scherz zwischen ihnen geworden.

"Eher zu einem riesigen Berg Schreibarbeit," erwiderte Mac lächelnd. Sie bedauerte es beinahe, sich jetzt von der alten Frau verabschieden zu müssen, "Und Sie? Werden Sie abgeholt?"

Die grauhaarige Dame nickte. "Ja." Sie lächelte hintergründig, ohne daß Mac wußte warum.

"Tja, dann auf Wiedersehen." sagte Mac ohne wirklich mit einem Wiedersehen zu rechnen.

"Auf Wiedersehen." antwortete die Rentnerin und zeigte erneut das hintergründige Lächeln.

Sie hatten jetzt die Gepäckausgabe erreicht und Mac sah sich suchend nach ihrer Reisetasche um. Stattdessen entdeckte sie plötzlich ...

"Harm! Was tun Sie denn hier?" entfuhr es ihr überrascht, "Sind Sie etwa hier, um mich abzuholen?"

Ihr hochgewachsener Partner stand in der Abfertigungshalle, in Jeans und einem olivgrünen V-Hals-Pullover. Er schien ebenso überrascht wie Mac zu sein über diese unerwartete Begegnung. "Nein, ich wußte gar nicht, daß Sie kommen. Sind Sie etwa mit der Zivilmaschine geflogen? Kein Vertrauen zu Militärpiloten?" fragte er mit einem seiner vertrauten Flyboy-Grinsen.

"Seit heute schon. Dieser Flug war schlimmer als meine Erlebnisse in einer Tomcat," gestand Mac lächelnd, "Wir waren von einer Horde lärmender Rentner umzingelt."

"Wir?" Harm sah sie fragend an und das Lächeln wich von seinem Gesicht.

Mac fragte sich, ob er glaubte, sie hätte in Los Angeles einen Mann kennengelernt. Sie wußte, wie Harm auf ihre Freunde reagierte. Sie grinste und ließ in ein paar Sekunden zappeln, bevor sie antwortete. "Ich und meine neue Freundin, die mich davon abgehalten hat, wahnsinnig zu werden." erklärte sie und drehte sich suchend um. Die alte Dame kam gerade auf sie zu.

"Ah, Mrs ..." Mac fiel plötzlich auf, daß sie nicht einmal den Namen ihrer Reisegefährtin kannte, "jetzt kann ich Sie wirklich noch mit meinem Partner bekannt machen!" rief sie ihr zu.

Die alte Dame lächelte.

Harm sah Mac seltsam an. Dann begann er zu lachen, beugte sich zu der grauhaarigen Dame hinunter und umarmte sie herzlich.

Mac starrte ihn an.

Harm lachte noch ein wenig lauter und die alte Dame fiel in das Lachen mit ein. "Mac," sagte Harm belustigt, als er sich endlich von seinem Gelächter erholt hatte, "Sie wollten mich doch nicht etwa meiner eigenen Großmutter vorstellen? Auf einen solchen Gedanken kann auch nur ein Marine kommen."

Mac sah zwischen Harm und der alten Dame hin und her. Jetzt wußte sie endlich, wieso die Rentnerin ihr so vertraut vorgekommen war und woher Harm sein Grinsen geerbt hatte. "Mrs Rabb ..."

"Sarah." verbesserte Harms Großmutter lächelnd.

Mac nickte. "Okay, Sarah ... haben Sie gewußt, wer ich bin?" Ganz offensichtlich war die Rentnerin nicht überrascht gewesen, daß sie und Harm sich kannten.

Sarah Rabb schüttelte ihr grauhaariges Haupt. "Nein, erst als Sie die Uhrzeit genannt haben, ohne auf die Uhr zu sehen und mir sagten, daß Sie ein Marine sind. Ich hätte wirklich schon früher darauf kommen sollen, aber Harm hat noch untertrieben, als er mir sagte, wie hübsch Sie sind."

Harm sah sie mit großen Augen an. "Granny, ich habe nie ..."

Seine Großmutter lächelte und legte ihm die Hand auf den Arm, wie sie es auch bei Mac getan hatte. "Schon gut, deine alte Großmutter scherzt nur," Sie zwinkerte Mac zu, "aber Sie haben wirklich nicht untertrieben, als Sie mir von Ihrem Partner erzählten."

Harm sah zwischen ihnen hin und her, als würde er seinen Ohren nicht recht trauen. "Worüber habt ihr beide die letzten vier Stunden gesprochen?" erkundigte er sich mit gespielter Strenge.

Mac machte eine Bewegung, als drehe sie einen Schlüssel vor ihren Lippen um. "Ich bin Anwältin und stehe unter Schweigepflicht." erklärte sie schelmisch.

Harm wandte sich an seine Großmutter. "Granny?"

"Ich sage kein Wort ohne meine Anwältin," antwortete Sarah Rabb und grinste ihren Enkel an, "Wir Sarahs müssen schließlich zusammenhalten."

Harm gab sich beleidigt, konnte aber ein Grinsen nicht unterdrücken, als er fragte: "Und was ist mit uns Rabbs?"

Die alte Dame zuckte unbeeindruckt mit den Schultern. "Oh, Nachnamen können geändert werden." meinte sie und zwinkerte Mac bedeutungsvoll zu.

"Was ist, Flyboy, willst du zwei hungrige Damen nicht zum Essen einladen?" erkundigte sich Mac.

"Wieso, gab es keine Beltway Burger im Flugzeug?" neckte Harm.

"Beltway Burger?" Sarah Rabb sah sie fragend an.

"Stärke, Fett, totes Tier und Ketchup." erläuterte Mac lächelnd.

Sie holten ihr Gepäck und machten sich auf den Weg zu Harms SUV.

"Eine gutgemeinte Warnung, Marine..." sagte Harm und beugte sich ein wenig zu Mac hinunter, während sie nebeneinander hergingen, "wenn Granny beginnt, von Regenbogen zu sprechen ..."

Mac grinste. "Zu spät, Flyboy. Das hat sie schon vor einer Stunde und sieben Minuten getan."

Harm stöhnte unterdrückt auf. Diese Geschichte mit den Regenbogen war ein alter Test seiner Großmutter. Wann immer ihr jemand sympathisch war, fing sie mit diesem Thema an, um zu prüfen, ob derjenige sich darauf einließ. Alle seine früheren Freundinnen, die Harm seiner Großmutter vorgestellt hatte, waren mit dem Regenbogen-Test konfrontiert worden und Harm glaubte nicht, daß Granny je mit einer der Absolventinnen richtig zufrieden gewesen war. Und er hatte hinterher jedesmal Mühe gehabt, seiner Freundin zu versichern, daß seine Großmutter keine "arme, verwirrte alte Frau" war.

Er erklärte es Mac, wobei er den Teil mit seinen Freundinnen ausließ. "Und? Wie haben Sie abgeschnitten?" wollte er wissen.

"Was glauben Sie wohl, Flyboy? Ich bin schließlich ein Marine!" Macs dunkle Augen funkelten neckisch.

"Dann sind Sie also durchgefallen." gab Harm grinsend zurück.

Mac wechselte ihre Reisetasche in die andere Hand und gab Harm einen Schlag auf den Arm. "Sie sollten aufhören, ständig von sich auf andere zu schließen, Sie Fliegerheld! Natürlich hatte ich die höchstmögliche Punktzahl!" Sie gab sich empört, aber ihre Mundwinkel zuckten amüsiert.

Sarah Rabb, die hinter den beiden herging, lächelte stumm in sich hinein. Sie hörte nicht, was die beiden sprachen, aber das Lächeln, mit dem ihr Enkel Mac bedachte, sagte ihr genug. Es war derselbe Blick, mit dem Harm, ihr Mann, sie und Harm, ihr Sohn, Trish angesehen hatte.

Vielleicht waren die vier Kinder, über die sie und Mac die ganze Zeit gescherzt hatten, doch gar nicht so unrealistisch ...

Harms Großmutter warf einen Blick zum Himmel hinauf, an dem ein schwacher Regenbogen schimmerte. "Haltet ein Auge drauf, ihr beiden!" befahl sie ihrem Mann und ihrem Sohn.



- ENDE -


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